
Das Handy in der Hand eines Mannes kann eine tödliche Waffe sein, die Leiche eines Kindes eine mörderische Falle – im Irak des Jahres 2004 ist auf herkömmliche Erfahrungen kein Verlass mehr. Mit einem Handy lässt sich eine Bombe zur Detonation bringen, und eine Leiche kann selbst ein Sprengsatz sein.
Den »besten Kriegsfilm seit langem« hat die »Berliner Zeitung« »Tödliches Kommando – The Hurt Locker« von Kathryn Bigelow genannt, und das wohl auch, weil Bigelow, duchaus als Actionfilm-Spezialistin bekannt, auf oberflächliche Effekte verzichten und trotzdem eine ungeheuere Spannung herstellen kann. Ihr neuster Film ist mit knappen Budget entstanden, was ihm zugute kommt: er kann sich ganz und gar auf die drei Männer eines Bombenentschärfungskommandos konzentrieren und auf große Schlachtengemeälde verzichten. Bagdad ist nicht Pearl Harbor. Und weil das Geld knapp war, finden sich in der besetzungsliste zwar die Namen einiger Stars, deren Auftritte indes sehr knapp ausfallen. In den Hauptrollen brillieren wenige bekannte Akteure, allein voran Jeremy Renner als Staff Sergeant William James, der mit kühl kalkulierten Irrsinn Bomben entschärft.
Renner stößt zu der kleinen Einheit, die rund fünf Wochen vor der Heimreise ihren Vorgesetzten verliert: weil die Technik versagt, stirbt Bombenentschärfer Matt Thompson bei einer Explosion. Thompson galt als überaus korrekt und vorsichtig, als jemand, der sich penibel an Vorschriften hielt.
Sein Nachfolger James hält wenig von dem ganzen Regelwerk, von dem er glaubt, dass dessen Einhaltung ihn mehr gefährde als schütze. Weil ihn das Geplärre aus dem Funkgerät nervt und seiner Konzentration abträglich ist, schaltet er es einfach ab und bleibt so für seine Kameraden und deren Hinweise oder Warnungen unerreichbar. Er legt den Skaphander ab, der ihn schützen soll doch statt dessen schwitzen lässt. Obgleich James’ schon hunderte Sprengsätze entschärft hat, lösen dessen unkonventionelle Methoden bei einen seiner Partner im Team immer wieder Wutanfälle aus, während der andere von seiner Angst allmählich aufgefressen wird, es mit einem unsichtbaren Gegner zu tun zu haben, gegen den er mit seinem Präzisionsgewehr letztlich nichts auszurichten vermag.
Bigelow interessiert sich nicht für die Hintergründe des Kriegs, die möglicherweise schlicht zu komplex sind, um in einem Film ausgeleuchtet zu werden. Ihre Figuren haben einen engen Blickwinkel: denjenigen des Soldaten, der sein Handwerk erledigt und bei seinem Gegenüber das Bedrohungspotenzial ausfindig zu machen sucht. Denjenigen von Männern, denen, wie es im Vorspann ihres Filmes zu lesen ist, Krieg längst zur Droge geworden ist. Und die ihrerseits selbst zu Zeitbomben geworden sind. James, der Bombenentschärfer, weiß das oder spürt es zumindest: Er kehrt nach kurzem Heimaturlaub bei seiner Familie freiwillig in den Irak zurück.
Thomas Steinberg, 2009
Halb Actionfilm, halb Kammerspiel: Bombenentschärfer im Irak-Krieg
Land: USA
Jahr: 2008
Produktion: Kathryn Bigelow, Mark Boal, Nicolas Chartier, Greg Shapiro, Donall McCusker
Regie: Kathryn Bigelow
Buch: Mark Boal
Kamera: Barry Ackroyd
Musik: Marco Beltrami, Buck Sanders
Schnitt: Bob Murawski, Chris Innis
Darsteller:* Jeremy Renner (Staff Sergeant William James), Anthony Mackie (Sergeant JT Sanborn), Guy Pearce (Sergeant Matt Thompson), Ralph Fiennes (Contractor Team Leader), Brian Geraghty (Owen Eldridge), David Morse (Colonel Reed), Evangeline Lilly (Connie James)
Länge: 131 Minuten
FSK: ab 16