
Justin (Lou Taylor Pucci) bleibt meistens abseits. Ein junger Mann, nicht unbeliebt, aber zu unsicher, seine Position zu finden. Er ist 17 Jahre, und noch immer träumt er vor sich hin und lutscht, sich gegen die Unbill der Welt zu wappnen, am Daumen. Die Eltern (Tilda Swinton und Vincent D‹Onofrio) sind besorgt, wenn sie denn dafür Zeit aufbringen, die vor allem von der Bewunderung für einen Serienstar und das Interesse für Sport aufgezehrt wird. (Chase Offerle).
Mike Mills hat Musikvideos gedreht, bevor er sich an die große Form, den Kinofilm wagte. Das haben andere vor ihm getan, Spike Jonze zum Beispiel oder Michel Gondry, und mit ihnen hat er gemeinsam, ein geglücktes Debüt präsentierten zu können. »Thumbsucker« meidet dabei optische und erzählerische Effekthaschereien, konzentriert sich ganz auf seine Figuren, die vor einem Dilemma stehen: die einen fordern von den anderen, endlich erwachsen zu werden – und wollen es doch selbst nicht sein.
Während die großen Hollywood-Produktionen sich entweder völlig fiktive Handlungsorte aussuchen oder Großstadtkulissen wählen, hält sich das amerikanische Independent-Kino gern in der Provinz auf. »Thumbsucker« bildet da keine Ausnahme, und Mills hat damit eine kluge Entscheidung getroffen: die Konflikte verstecken sich hinter der Oberfläche, sie müssen gesucht und gefunden werden. Mills hat sich dieser Mühe unterzogen – und überrascht mit einer ebenso leichthändigen wie tiefgründigen Komödie.
Der Mann, der Justin von seinem vermeintlichen Leiden befreien soll, heißt Dr. Perry Lyman (Keanu Reeves). Sein Weltbild ist das eines esoterisch versponnenen Alt-Hippies, und als Kieferorthopäde setzt er auch Hypnose ein. Justin springt auf die Behandlung an, nur nicht so, wie beabsichtigt.
Ein paar Ritalin-Pillen später ist Justin auf die Erfolgsspur gesetzt, zielgerichtet-dynamisch statt schlaff oder aufgedreht. Auf einmal finden sich Freunde, und in Justin erwacht der Ehrgeiz, den er vor allem in Rhetorik-Wettbewerben auslebt. Mit jeder Pille wird er besser – bis er selbst entscheidet, es sei genug: das Ritalin wird in der Toilette herunter gespült. In seiner Mitschülerin Rebecca (Kelli Garner) meint Justin einen neuen Lebenshalt gefunden zu haben.
Thomas Steinberg, 2007
Mit 17 Jahren lutscht Justin immer noch am Daumen. Und deshalb unterzieht er sich einer Behandlung – mit unerwarteten Folgen.
Thumbsucker (Thumbsucker)
Land: USA
Jahr: 2005
Regie: Mike Mills
Buch: Mike Mills nach einem Roman von Walter Kirn
Kamera: Joaquín Baca-Asay
Musik: Tim DeLaughter
Schnitt: Haines Hall, Angus Wall
Darsteller: Lou Taylor Pucci (Justin Cobb), Tilda Swinton (Audrey Cobb), Vincent D‹Onofrio (Mike Cobb), Kelli Garner (Rebecca), Keanu Reeves (Dr. Perry Lyman), Vince Vaughn (Mr. Geary), Benjamin Bratt (Matt Schraam), Chase Offerle (Joel Cobb), Sarah Iverson (Rene)
Produktion: Anthony Bregman, Anne Carey, Jay Shapiro, Bob Stephenson
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 12