
»He stretched himself. He rose. He stood upright in complete nakedness before us, and while the trumpets pealed Truth! Truth! Truth! we have no choice left but confess – he was a woman. [...] No human being, since the world began, has ever looked more ravishing. His form combined in one the strength of a man and a woman‹s grace.« (Virginia Woolf: Orlando)
Orlando betrachtet sich aufmerksam im Spiegel. Scheint nicht allzu erstaunt. Dreht sich um, zur Kamera, blickt durch sie auf den Zuschauer, und sagt: »Same person. No difference at all. Just a different sex.«
Just a different sex – nur ein anderes Geschlecht. Orlando, der Mann, Orlando die Frau. Kein Unterschied. Nur ein anderes Geschlecht.
Kein Unterschied? Orlando irrt. Und wird es bald erkennen. 50 Jahre später. 150 Jahre später.
Am 8. Oktober 1927 nimmt Virginia Woolf für längere Zeit Urlaub. Sie beginnt »Orlando« zu schreiben. Rasch ging ihr der Roman von der Hand, weshalb sie später davon sprechen wird, sich mit der Arbeit an diesem Buch einen »writer‹s holiday« genehmigt zu haben.
»Orlando« kommt denn auch leichtfüßig daher, witzig, ironisch, ganz anders, als man Woolf aus ihren sonstigen Büchern kennt, doch der Roman war schließlich eine Liebeserklärung der englischen Schriftstellerin an die Aristokratin Vita (Victoria) Sackville-West. Lang lässt Virginia Woolf sie als Orlando leben und kaum altern. Als die Romanhandlung im Jahre 1928 endet, ist Orlando über 400 Jahre alt. Orlando kommt aus dem Nichts, wandelt durch die Zeitläufte, die vielleicht ihm/ihr etwas anhaben können, nicht aber seiner/ihrer Unschuld, wechselt vom Roman in den Film…
...und fährt 1992 mit einem Motorrad durch London, im Beiwagen die Tochter. Sally Potter, Tänzerin, Schriftstellerin, Performancekünstlerin und Regisseurin, hat Virginia Woolfs Orlando-Biographie verfilmt und fortgeführt ins Heute.
Wer »Orlando« vor Jahren gesehen hat, den trügt die Erinnerung, wenn er meint, einen Film mit erheblicher Überlänge gesehen zu haben. »Orlando« hält sich mit 94 Minuten an den Spielfilmstandard und überbrückt dabei spielerisch die Zeit von 1600 bis zum Ende des Millenniums.
Orlandos Biographie (als Mann) beginnt mit seinem Aufenthalt am Hofe Elisabeth I. (Quentin Crisp), die Orlando (Tilda Swinton) ein Haus vermacht. Bedingung: Orlando dürfe nicht altern. 10 Jahre später, London ist von einem eisigen Winter gefangen, verliebt sich Orlando unglücklich in die russische Prinzessin Sasha (Charlotte Valandry), und findet sich 1650 in Gesellschaft des Dichters Nick Greenes (Heathcote Williams), den Orlando bewundert und engagiert, damit der ihm die Feinheiten der Poesie lehre. Greene indes verfasst ein Spottgedicht auf die lyrischen Anwandlungen des unverändert jungen Edelmanns, der sich daraufhin als Botschafter in die Türkei versetzen lässt, wo Orlando gegen 1700, seinen Dienst treu verrichtend, aufsteigt und nach dem Grauen einer Schlacht zur Frau mutiert, was für sie keinen Unterschied machen mag. Für andere sehr wohl, wie sie 1750 in London erfährt, als ihr eröffnet wird, sie sei ja nunmehr eine Frau und damit praktisch tot, könne also das elisabethanische Erbe nicht antreten. So flüchtet sie hundert Jahre weiter über eine Wiese ins viktorianische Zeitalter, trifft Shelmerdine (Billy Zane), wird geschwängert von ihm und nun wegen des unpassenden (weiblichen) Geschlechts im königlichen Auftrag sogar gänzlich ihres Eigentums beraubt. Orlando lässt sich nicht ein auf Shelmerdines Vorschlag, gemeinsam nach Amerika zu ziehen, harrt vielmehr aus, erlebt den Wandel Englands in ein Schlachtfeld, bevor sie, nun jenseits der 400 und weiterhin jung, in der Jetztzeit des Jahres 1992 ankommt, um einen gerade fertiggestellten Roman ihrem Verleger anzubieten.
Sally Potter hat sich die Freiheiten genommen, die ein Filmemacher benötigt, um das Buch kinotauglich zu machen. Die Erzählstruktur wurde vereinfacht. Und, wie Potter in ihren Notizen zu »Orlando« erläuterte, ein Film müsse pragmatischer sein, könne sich weniger Abstraktionen und Willkürlichkeiten leisten: »Es braucht Anlässe – wie unbedeutend auch immer – die uns auf der Reise vorwärtstreiben.« Deshalb erklärt der Film nebenher die Unsterblichkeit Orlandos und den Geschlechterwechsel, die im Roman einfach geschehen.
So verschieden auf den ersten Blick die beiden Woolf-Romane »Mrs. Dalloway« und »Orlando« erscheinen, beide Bücher thematisieren, untergründig der eine, vordergründig der andere, die Geschlechterrollen. Beinahe nebenher findet sich in »Mrs. Dalloway« über die Protagonisten der Satz: »She did undoubtedly then feel what men felt.«
Orlando ergeht es – als Frau – nicht anders.
Thomas Steinberg, 2004
Als Mann geboren, zur Frau verwandelt durchstreift Orlando die Zeiten vom elisabethanischen Zeitalter bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts. Sally Potters filmische Umsetzung des gleichnamigen Romans von Virginia Woolf.
Orlando
Land: Großbritannien, Russland, Frankreich, Italien, Niederlande
Jahr: 1992
Buch und Regie: Sally Potter
Kamera: Alexej Rodionow
Schnitt: Hervé Schneid
Musik: Sally Potter, David Motion
Darsteller: Tilda Swinton (Orlando), Billy Zane (Shelmerdine), Lothaire Bluteau (Khan), Quentin Crisp (Königin Elizabeth I), Heathcote Williams (Nick Greene), Charlotte Valandrey (Sasha)
Produktion: Christopher Sheppard
Länge: 94 Minuten
Format: Farbe
Sprachversion: Englisch mit deutschen Untertiteln
FSK: ab 12