
New York, Paris, Rotterdam, Wien oder Los Angeles – in nur wenigen Städten wurde Harry Smiths Film »Mahagonny« gezeigt. Zum Kurt-Weill-Fest 2004 erlebte das monumentale Underground-Werk dank der Dessauer Kurt-Weill-Gesellschaft und des Getty Research Institutes in Los Angeles seine Deutschlandpremiere: «#18, Mahagonny« lief während des Kurt-Weill-Fests 2004 im Kino des Dessauer Kiez’.
Harry Smith (1923 bis 1991) war eine Ausnahmeerscheinung unter den Avantgarde-Künstlern seiner Zeit: Maler und Filmemacher, Anthropologe und Kabbalist, besessener Sammler und Übersetzer mit Hang zum Okkulten und Esoterischen – schwerlich fassbar war Smith in seiner Person und in seinem Werk, und schon gar nicht auf einen Nenner zu bringen.
»Mahagonny« ist ein Film, an dem Smith zehn Jahre, von 1970 bis 1980, arbeitete. Die Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« von Bertolt Brecht und Kurt Weill (in der Aufnahme von 1955 mit Lotte Lenya) wollte Smith in »Ideogramme« übersetzen. »Mein Film zielte nicht darauf ab, eine realistische Version der Oper zu drehen, sondern vielmehr darauf, den deutschen Text in eine universelle Schrift zu übertragen, deren Basis die Ähnlichkeiten menschlicher Lebensformen und Bestrebungen ist. Soweit ich weiß, gab es bisher keinen Versuch, einen Film für alle Menschen zu machen, egal ob sie auf Papua oder in New York leben. Der fertige Film wird für einen Zulu ebenso verständlich sein wie für einen Eskimo oder einen australischen Aborigine, wie überhaupt für Leute jeden Alters und jeden kulturellen Hintergrunds.« Um dieses Ziel zu erreichen, drehte er »den kompliziertesten Underground-Film« überhaupt. »Die beste Reaktion der Zuschauer auf diesen Film wäre es einzuschlafen.«
Smith verfügte nach den Dreharbeiten zu »Mahagonny« über mehr als elf Stunden Material. Nach dem Schnitt blieben etwa sechs Stunden, die, angereichert um Tricksequenzen, nach der Montage einen 141-Minuten-Film ergeben.

Was heute am Computer technisch ein Leichtes wäre, nämlich ein Bild in vier Kacheln zu teilen, war in der Entstehungszeit von »Mahagonny« ein abenteuerliches Unterfangen, denn Smith arbeitete mit 16-Millimeter-Filmmaterial. Es galt, Einstellungen nicht nur in einer Abfolge zu montieren, sondern sie überdies zeitlich parallel zu strukturieren und das nach einem Modell, das aus obskuren Berechnungen entwickelt wurde – jedenfalls hat Smith einmal behauptet, »Mahagonny« sei die mathematische Analyse von Marcel Duchamps »Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar« – was man glauben kann oder nicht. Auf jeden Fall hat Smith seine Bilder in vier Kategorien gegliedert: Porträts (hier zeigt er u.a. die Sängerin Patti Smith, den Dichter Allen Ginsberg und den Filmemacher und -kritiker Jonas Mekas), Animation, Symbole und Natur (sofern die im Central Park zu finden ist. »Mahagonny« wurde vor allem in New York gedreht.) Diese Kategorien wechseln nach dem Schema P.A.S.A.N.A.S.A.P. ab. Während in der ersten Hälfte des Films Smith durch Spiegelungen und Symmetrien erzeugt, werden im zweiten Teil vier Einzelbilder zu einem Ganzen zusammengefügt.
So kompliziert wie die Montage war die Aufführung des Werks. Vier Projektoren waren notwendig und zwei Filmvorführer, um »Mahagonny« zu zeigen. Das erklärt, warum Smiths achtzehnter Film nach der Premiere und nur fünf weiteren Aufführungen 1980 in New York zwanzig Jahre nicht mehr zu sehen war. Erst das aufwändige Umkopieren der vier einzelnen Filmstreifen auf einen 35-mm-Standard-Film machte »Mahagonny« – technisch gesehen – kinotauglich. Zwanzig Jahre nach der Uraufführung ist »Mahagonny« dem Publikum wieder zugänglich.
Thomas Steinberg, 2005
Harry Smiths 18. Film »Mahagonny« ist der Versuch, die Brecht/Weill-Oper in »Ideogramme« zu übersetzen, die für einen New Yorker ebenso verständlich sein sollten wie für Zulus. Seine Deutschlandpremiere erlebte ‘Mahagonny’ am 2. März 2004 im Desssauer Kiez.
Mahagonny
Land: USA
Jahr: 1970-1980
Genre: Experimentalfilm
Regie, Buch, Kamera, Schnitt, Produktion: Harry Smith
Musik: Kurt Weill
Darsteller: Patti Smith, Allen Ginsberg, Jonas Mekas
Länge: 141 Minuten
Format: Farbe
Sprachversion: deutsch
FSK: o.A.