
»Ein Drittel seines Lebens liegt der Mensch im Bett. Das haben die hier noch nicht kapiert. Zwanzig Prozent Arbeitslose. Was meinen Sie, was die den ganzen Tag machen? Na? Liegen im Bett. Schon wieder ’n Grund für ’ne gute Matratze.« Und diese Matratze hat Ingo (Devid Striesow). Ingo, der Matratzenverkäufer, der Geschäftsmann in Frankfurt/Oder, dem die Wohnung gekündigt wurde und der Strom abgestellt. Der früh ins überfüllte Arbeitsamt kommt, um für eine letzte Marketingaktion vier Leute als lebende Matratzensandwiches anzuheuern.
Die Pleite wird er nicht abwenden. Ingo, das ist einer jener unermüdlichen Verlierer im deutsch-polnischen Grenzgebiet, deren Wege Hans-Christian Schmid in seinem Film »Lichter« verfolgt. Menschen schildert er, die nach jedem Schlag, der sie zu Boden streckt, sich wieder aufraffen. Die sich ebenso helfen wie sie sich betrügen, die alle auf der Suche sind nach Glück und keinen Weg scheuen, es zu erreichen.
Das Glück befindet sich für Kolja (Ivan Shvedoff) an einem exakt definierten Ort. In Berlin, am Potsdamer Platz. Dorthin will er, der Ukrainer, den ein Schlepper gemeinsam mit anderen Landsleuten kurz in einem Wald ausgesetzt hat: Dort hinten, die Lichter, das sei Berlin, wird der Gruppe erklärt. Tatsächlich liegt Slubice vor ihnen und Deutschland jenseits der Oder. Kolja wird es schaffen, den Fluss zu durchqueren. Zwar fasst man ihn, doch er findet eine Helferin: Sonja (Maria Simon)], die gutherzige Dolmetscherin, schleust ihn nach Berlin, zum Potsdamer Platz. Dort macht Kolja die dem Bruder versprochenen Fotos – mit einer Kamera, die er Sonja gestohlen hat.

Schmids Film kommt ohne spektakuläre Effekte aus, der Regisseur verlässt sich auf die Kraft der Geschichten, die er zu erzählen hat. Diese Qualität war auch schon seinen früheren Spielfilmen eigen: »Nach fünf im Urwald«, mit dem Schmid 1995 der Durchbruch gelang, »23 – Nichts ist so wie es scheint« von 1999 und schließlich »Crazy«. Allen drei Arbeiten gemeinsam sind jugendliche Akteure, von denen sich Schmid mit »Lichter« erstmals verabschiedet.
Statt dessen stehen seine Helden – Zigarettenschmuggler, Architekten, Unternehmer, Übersetzerinnen, die ihrer Arbeit auch im Bett nachgehen, Flüchtlinge, Arbeitslose – mitten im Leben, das wenig für sie parat hält: Erfolg ist das, was man selbst nicht hat. Ein Kleid für die Tochter zur Kommunion? Antoni (Zbigniew Zamachowski), der gutmütige Taxifahrer in Slubice, kann es nicht bezahlen und möchte doch seiner Tochter einen Herzenswunsch erfüllen: So wird der ehrliche Helfer zum kleinen Lumpen, der noch Ärmeren das Letzte nimmt.
Schmid jedoch macht niemanden moralische Vorhaltungen, sondern zeigt Menschen, die versuchen, sich halbwegs mit den Verhältnissen zu arrangieren. Und die sind nicht gut. Nicht in Frankfurt/Oder. Nicht in Slubice.
Thomas Steinberg, 2003
Ein düsterer Film, der in mehreren Episoden, der von Menschen in Frankfurt/Oder und Slubice erzählt und von ihrer mühseligen Suche nach Glück.
Lichter
Land: Deutschland
Jahr: 2003
Regie: Hans-Christian Schmid
Buch: Michael Gutmann, Hans-Christian Schmid
Kamera: Bogumil Godfrejow
Musik: The Notwist
Schnitt: Hansjörg Weissbrich, Bernd Schlegel
Darsteller: Ivan Shvedoff (Kolya), Sergei Frolov (Dimitri), Anna Yanovskaya (Anna), Sebastian Urzendowsky (Andreas), Alice Dwyer (Katharina), Martin Kiefer (Marko), Tom Jahn (Maik), Devid Striesow (Ingo Mertens), Claudia Geisler (Simone), Zbigniew Zamachowski (Antoni), Aleksandra Justa (Milena), Marysia Zamachowska (Marysia), Maria Simon (Sonya), Janek Rieke (Christoph), August Diehl (Philip), Julia Krynke (Beata), Herbert Knaup (Klaus), Henry Hübchen (Wilke)
Produktion: Jakob Claussen, Thomas Wöbke
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12