Es sollte einer der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten werden, nur die Heimatschnulze »Grün ist die Heide« konnte in den 50er Jahren mit geschätzten 19 Millionen Zuschauern halbwegs mithalten. Veit Harlans »Jud Süß«, 1940 uraufgeführt, erreichte bis 1943 mehr als 20 Millionen Zuschauer. Allerdings half das Regime auch nach: der Film war Pflichtprogramm für SS-Männer und Polizisten und lief als Unterhaltungsprogramm für die Bevölkerung in den von Deutschland besetzten Gebieten, wenn diese, teils unter tätiger Mithelfe der Einheimischen, »judenfrei« gemacht werden sollten.
Harlan, (1899 bis 1964), hatte seine Kino-Karriere als Schauspieler begonnen, bevor er 1935 erstmals Regie führte und mit der Verfilmung von Tolstois »Kreutzersonate« bewies, dass aus ihm durchaus ein bedeutender Regisseur hätte werden können. Indes wählte er den Weg der offenen Anbiederung an das Nazi-Regime und wurde einer der wichtigsten Kino-Propagandisten des Systems. Es sind vor allem zwei Filme, die mit seinem Namen verbunden bleiben: der Durchhaltestreifen »Kolberg« und eben »Jud Süß«. Nach Kriegsende wird er vom Vorwurf der »Beihilfe zur Verfolgung« freigesprochen. Harlan dreht weiter Filme, schreibt aber Geschichte nur indirekt, indem das Bundesverfassungsgericht dem Hamburger Pressesprecher Erich Lüth das Recht zusprach, zum Boykott eines Harlan-Filmes aufzurufen. Das Urteil gilt als ein Meilenstein auf dem Weg zu einem in Deutschland weit gefassten Begriff von Meinungsfreiheit.
»Jud Süß« bedient sich einer historischen Figur, die schon vor Harlan das Interesse von Künstlern erregte – Wilhelm Hauff schrieb eine Novelle gleichen Titels und fast genau 100 Jahre später, nämlich 1925, veröffentlicht Lion Feuchtwanger seinen Roman »Jud Süß«. Was beide Werke grundlegend von Harlans Film unterscheidet: sie sehen in Joseph Süß Oppenheimer das Opfer von Justizwillkür.
Oppenheimer wurde Ende des 17. Jahrhunderts in Heidelberg geboren; sein Vater war ein gut situierter Kaufmann. Er selbst verlegt sich darauf, in finanziellen Bedrängnis geratenen Adligen aus der Klemme zu helfen, zahlt, wenn Banken abwinken, was seinen Reichtum mehrt und seinen Bekanntheitsgrad steigert. Er wird Finanzberater des Herzogs Karl Alexander von Württembergs, der ihm mehr und mehr Handlungsspielräume gewährt, damit der aufwändige Hof finanziert werden kann. Oppenheimer gründete Firmen, führte neue Steuern ein, schuf die erste Bank des Herzogtums; Karl Alexander setzte Oppenheimers Vorschläge um, ohne, wie es die Landesverfassung für einige Reformen vorsah, die Ständevertretung gehört wurde. Als 1737 der Herzog starb, war die Zeit der Abrechnung gekommen: Oppenheimer wurde verhaftet und zahlloser Straftaten angeklagt: er habe die Staatskasse geplündert und die Majestät beleidigt, sei bestechlich gewesen und habe sexuelle Beziehungen zu Christinen unterhalten. Keiner dieser und der übrigen Anklagepunkte konnte belegt werden, trotzdem wurde Oppenheimer 1738 zum Tode verurteilt und – trotz vereinzelter Kritik von Juristen – hingerichtet. Seine Leiche wurde sechs Jahre lang in einem Käfig zur Schau gestellt.
Harlan nun drehte für seinen Film die historischen Vorgänge ins antisemitische: die Hinrichtung ist bei ihm folgerichtige Konsequenz der Geldgier des Juden, zumal dieser noch eine ehrbare arische Frau vergewaltigt – Oppenheimer trägt bei Harlan alle Züge, die der Antisemitismus der Nazis Juden zuschreibt. Und so war denn Goebbels (der persönlich einige Änderungen des Films veranlasste) sehr zufrieden: »Ein ganz großer, genialer Wurf. Ein antisemitischer Film, wie wir ihn uns nur wünschen können.«
Thomas Steinberg, 2009
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Nazi-Propagandafilm, der die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer in ihr Gegenteil verkehrt und antisemitische Ressentiments schüren sollte.
Land: Deutschland
Jahr: 1940
Regie: Veit Harlan
Buch: Veit Harlan, Eberhard Wolfgang Möller, Ludwig Metzger
Musik: Wolfgang Zeller
Kamera: Bruno Mondi
Schnitt: Wolfgang Schleif, Joseph Goebbels
Darsteller: Ferdinand Marian (Joseph Süß Oppenheimer); Werner Krauß (Sekretär Levy, Rabbi Loew, Schächter Isaak, Alter am Fenster); Heinrich George (Karl Alexander, Herzog von Württemberg); Kristina Söderbaum (Dorothea); Eugen Klöpfer (Sturm); Hilde von Stolz (Herzogin)
Länge: 98 Minuten