
Dem Kino hat Virginia Woolf misstraut. »Bevor es weiß, was es zu sagen hat, kann es alles aussprechen«, kritisierte die Romanautorin in einem Essay »The Cinema« die damals junge Kunstform, den Stummfilm. So hoffte sie 1926 auf die Zukunft: »Wenn eine neues Symbol gefunden sein wird, Gedanken darzustellen, dann hat der Filmemacher gewaltige Reichtümer zu seiner Verfügung.« Ihr Rat, erteilt in einer Zeit, als an Tonfilm nicht zu denken war: »Alles, was Worten, und allein Worten, zugänglich ist, muss vermieden werden.«
Die Kino-Skepsis hat nichts geholfen: Während sie selbst, literarisch höchst bedeutend zwar, das Schicksal vieler Klassiker ereilte, nämlich vor allem ungelesen zu bleiben, machte ausgerechnet die Leinwandadaption eines Theaterstücks ihren Namen populär: »Wer hat Angst vor Virginia Woolf?« ist seither eine geläufige Frage. Später wurden gar ihre Romane verfilmt, »Orlando« (gleich zwei Mal) und »Mrs. Dalloway«.
Nicht genug: In »The Hours«, dem zweiten Film des Briten Stephen Daldry (»Billy Elliot – I Will Dance«), wird Virginia Woolf selbst zur Filmfigur.
»The Hours« ist wiederum die Verfilmung eines Romans. Dessen Autor, Michael Cunningham, erhielt für »The Hours« unter anderen den renommierten Pulitzer-Preis. Cunningham, keineswegs eine Selbstverständlichkeit, lobt die Filmleute: »Ich bin vielleicht der einzige lebende amerikanische Romanautor, der ganz und gar zufrieden ist mit dem, was Hollywood aus seinem Buch gemacht hat.«
Drei Freuen stellt »The Hours« vor, deren Biographien über Zeiten und Räume hinweg lose miteinander verknüpft sind. Einen Tag jeweils beschreibt der Film im Leben von Virginia Woolf (Nicole Kidman), Laura Brown (Julianne Moore) und Clarissa Vaughn (Meryl Streep). Virginia plagt sich, heimgesucht von Anfällen des Wahnsinns, 1923 in im Londoner Vorort Richmond mit dem Anfang ihres ersten großen Romans »Mrs. Dalloway«; Laura liest 1952 »Mrs. Dalloway«, lebt gutbürgerlich in Kalifornien, kümmert sich um die Geburtstagsfeier ihres Mannes und beschließt – ein Kuchen ist ihr missraten – nach der Geburt des zweiten Kindes die Familie zu verlassen; Clarissa schließlich, Spitzname »Mrs. Dalloway«, opfert sich auf für ihren Aids-kranken Ex-Geliebten, für den sie, ganz wie die Protagonistin in Woolfs Roman, eine perfekte Party ausrichten will, denn er soll einen bedeutenden Literatur-Preis erhalten.
Viel ist geschrieben worden über die darstellerische Leistungen von Kidman, Moore und Streep, diesem Trio von Hollywood-Stars, dass darüber meist David Hare vergessen wird, der Drehbuchautor. Nicht nur, dass er erst Daldry auf den Stoff aufmerksam gemacht hat. Hare hat sich intensiv mit dem Roman auseinandergesetzt, lange mit Cunningham gesprochen, um einen Weg zu finden, die literarisch fein verwobenen Geschichten in Filmsprache zu übersetzen.

Hare hat sich dabei selbst Regeln auferlegt, und auf zwei Techniken verzichtet, die zum Standardinstrumentarium der Filmleute gehören: The Hours kommt ohne Rückblenden und Voice Overs, innere Monologe, aus, und schafft es doch, die Vorgeschichte der Figuren ebenso zu schildern wie ihre Gedankenwelt.
Das Kino, so scheint es, hat seit der Zeit, aus welcher Woolfs Verdikt stammt, einiges dazugelernt: »Alles, was Worten, und allein Worten, zugänglich ist, muss vermieden werden.«
Thomas Steinberg, 2003
In drei Episoden zeigt »The Hours« drei Frauen in drei Zeiten: Virginia Woolf quält sich in der 20er Jahren mit dem Manuskript zu »Mrs. Dalloway«, Laura Brown kündigt nach der Lektüre dieses Buches ihre Rolle als bürgerliche Hausfrau in den 50er Jahren und Clarissa Vaughn vergisst über die Pflege eines Aids-Kranken ihr eigenes Leben.
The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit (The Hours)
Land: USA
Jahr: 2002
Genre: Drama
Regie: Stephen Daldry
Buch: David Hare
Kamera: Seamus McGarvey
Musik: Philip Glass
Schnitt: Peter Boyle
Darsteller: Nicole Kidman (Virginia Woolf), Julianne Moore (Laura Brown), Meryl Streep (Clarissa Vaughan), Stephen Dillane (Leonard Woolf), Miranda Richardson (Vanessa Bell), George Loftus (Quentin Bell), Charley Ramm (Julian Bell), Sophie Wyburd (Angelica Bell), Lyndsey Marshal (Lottie Hope), Linda Bassett (Nelly Boxall), Christian Coulson (Ralph Partridge), Michael Culkin (Arzt), John C. Reilly (Dan Brown), Jack Rovello (Richie Brown), Toni Collette (Kitty Barlowe), Margo Martindale (Mrs. Latch), Colin Stinton (Hotelangestellter), Ed Harris (Richard Brown), Allison Janney (Sally Lester), Claire Danes (Julia Vaughan), Jeff Daniels (Louis Waters), Eileen Atkins (Barbara), Carmen De Lavallade (Clarissas Nachbarin), Daniel Brocklebank (Rodney)
Produktion: Robert Fox, Scott Rudin
Format: Farbe
Länge: 115 Minuten
Sprachversion: deutsch
FSK: ab 12