
Man gehe in die nächstbeste gut sortierte Buchhandlung und durchstöbere das Regal mit Reiseliteratur. Oder tue dies bei einem Online-Buchhändler. Dort findet man sie zuhauf und kann sie, so man willig ist, etwa 20 Euro mit nach Hause nehmen: die Geheimtipps, jene Orte, an denen man jene trifft, die ebenfalls in einer gut sortierten Buchhandlung oder bei einem Onlinebuchhändler jene Geheimtipps erworben haben, deren Kenntnis unabdingbare Voraussetzung ist, um sich dem Pauschaltouristen überlegen zu fühlen.
Sonja Heiss war mit ihrem Kameramann Nikolai von Graevenitz immer wieder mit dem Rucksack unterwegs, auch in Asien, wohin die fünf Protagonisten ihre Films »Hotel Very Welcome« gereist sind, um sich selbst zu finden. Oder genauer gesagt, um den Mühen und Herausforderungen des Alltags daheim zu entfliehen. Das Ich als Negation.
In einem Interview schilderte Heiss, wie ihr bei ihren Rucksacktouren das diesen innewohnende komische Potential aufgegangen sei: alltägliche Missverständnisse, Tage, die damit verbracht werden, den richtigen Bus zum richtigen Ziel zu finden.
»Hotel Very Welcome« lebt von den Absurditäten, Widersprüchen und Selbsttäuschungen, in die sich Backpacker begeben, die im Stillem verzweifeln, wenn ihre Erwartungen sich nicht erfüllen – sehr zum wohlwollenden Vergnügen der Zuschauer.
Da ist etwa Svenja (Svenja Steinfelder). Sie scheint den ganzen Tag in einem Bangkoker Hotel zu verbringen und auf dem Bett sitzend zu telefonieren. Svenja hat einen Anschlussflug verpasst und versucht nun, einen neuen bei einem thailändischen Reisebüro zu buchen. Der Angestellte ist eifrig bemüht und freundlich, sein Englisch indes miserabel, was Svenja nicht unrecht zu sein scheint, liefern ihr doch die Verständigungsprobleme Vorwände, wieder und wieder anzurufen.
In einem Ashram haben sich Europäer auf der Reise zu sich oder der Flucht vor sich eingerichtet – und stehen sich dabei gegenseitig im Wege; die Wüste ist ein Ort, an dem sich jene treffen, die die Einsamkeit suchen und sich geflissentlich ignorieren; bei thailändischen Raves gehen Freundschaften in die Brüche.
Heiss beobachtet die Mühen ihrer fünf Protagonisten mit stillen Vergnügen. Denn auch wenn diese am Verzweifeln sind, sie sind so frei von Problemen, dass sie die Probleme suchen – oder wenigsten den richtigen Bus.
Thomas Steinberg, 2008
Fünf junge Europäer reisen durch Asien und warteb dort auf Erleuchtung, Sex oder den richtigen Bus.
Hotel Very Welcome
Land: Deutschland
Jahr: 2007
Gerne: Komödie
Regie: Sonja Heiss
Buch: Sonja Heiss, Nikolai von Graevenitz
Kamera: Nikolai von Graevenitz
Musik: The Festival, Christian Garcia
Schnitt: Natali Barrey, Vincent Pluss, Patrick Lambertz
Darsteller: Eva Löbau (Marion), Svenja Steinfelder (Svenja), Chris O´Dowd (Liam), Ricky Champ (Josh), Gareth Llewelyn (Adam)
Produktion: Janine Jackowski, Sonja Heiss, Maren Ade
Länge: 90 Minuten
FSK: o.A.