
Uwe versucht vernünftig zu sein. Da hocken sie zu viert am Tisch in der Neubaubuchte: Chris und Katrin, Ellen und eben Uwe (Axel Prahl). Chris und Katrin sind ein Paar, Ellen und Uwe ebenfalls eines, man ist seit Jahren miteinander befreundet. Dabei könnte es bleiben, die Freundschaft rumpelt schließlich durch die Zeiten wie die Beziehungen, hätten nicht Chris (Thorsten Merten) und Ellen (Steffi Kühnert) was miteinander. Ausgerechnet in der Badewanne hat Katrin (Gabriela Maria Schmeide) sie erwischt.
Nun sitzen sie also alle vier an einem Tisch, wollen die Sache irgendwie klären. »Ich würde mal sagen«, schlägt Uwe vor, »ihr trefft euch nicht mehr.« Eben.

600000 Euro sind kein Geld um einen Spielfilm zu drehen. Eigentlich. Andreas Dresen hat es trotzdem geschafft: mit einem kleinen, engagiertem Team, in dem jeder eine Einheitsgage bezog, entstand »Halbe Treppe«, ein Film über die Hälfte des Lebens, wie man sie in Frankfurt (Oder) erleben und erleiden kann, aber auch anderswo in Deutschland. Kein komplettes Drehbuch hatte Dresen vorliegen, sondern wie der britische Kollege Mike Leigh lediglich ein grobes Konzept – die Dialoge entwickelten die Schauspieler.
Die hatten sich mit dem Milieu, in dem »Halbe Treppe« spielt, gründlich vertraut gemacht. Damit Uwe richtig Fritten zubereitet, ging Axel Prahl bei Eberhard Urban in die Lehre. In dessen realer Imbissbude »Halbe Treppe« treffen sich die, die wenig zu tun, das Geld für ein Bier aber selten nur fürs Essen haben – genau wie in der Film-Imbissbude »Halbe Treppe«. Hier ackert Uwe sich ab, um irgendwie Geld nach Hause zu bringen, weil das nicht eben reichlich auf das Gehaltskonto fließt, wenn man wie Katrin als Verkäuferin in einer Parfümerie arbeitet. Sie wünscht sich eine neue Küche und geht trotzdem, als Uwe sie endlich beschafft hat und – vielleicht – auch keine Eisbeine mehr in der Wanne zwischenlagern wird.

Ebenso ermattet: die Beziehung zwischen Katrin und Chris. Sie fertigt Lkw an der Grenze nach Polen ab, er verbreitet als Radiomoderator »Dauerpower vom Powertower«, obwohl der Job ein unendlich öder ist. Unaufhaltsam steuert er auf die Midlife-Crisis zu, die der Seitensprung mit Ellen nicht wird aufhalten können.
Über Dresens Figuren kann der Zuschauer lachen wie er mit ihnen leiden kann. Sie stecken fest in ihren Leben. Anything goes? Nicht in Frankfurt (Oder). Dennoch sollte man sich nicht täuschen lassen: »Halbe Treppe« ist kein ausgesprochener Ost-Film, obwohl ein Kritiker ihn als DEFA-Film klassifizierte, wie ihn die besten DDR-Regisseure gerne gedreht hätten. »Halbe Treppe« zeigt, dokumentarisch beinahe, Menschen, wie sie dem Zuschauer im Kino nur zu vertraut sind – er kennt sich schließlich.
Thomas Steinberg, 2003
Deutschland ist Frankfurt/Oder. Dort betreibt Axel eine Imbissbude namens »Halbe Treppe« und wurschtelt sich mit Ellen recht mühselig durchs Leben. Die geht irgendwann mit Chris fremd, dessen Ehe nicht minder ausgelaugt ist. Und Axel bleibt mit einer neuen Küche und Eisbeinen zurück.
Halbe Treppe
Land: Deutschland
Jahr: 2001
Regie: Andreas Dresen
Buch: Andreas Dresen
Kamera: Michael Hammon
Musik: 17 Hippies
Schnitt: Jörg Hauschild
Darsteller: Steffi Kühnert (Ellen), Gabriela Maria Schmeide (Katrin), Thorsten Merten (Christian), Axel Prahl (Uwe), Jens Graßmehl, Mascha Rommel, Gregor Ziesche, Julia Ziesche u.a.
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 12
Sprachversion: deutsch