
Ein junger Mönch verliebt sich in ein Mädchen. Und sie, wunderschön, verliebt sich in ihn, worauf er sein Kloster verlässt, sich der Welt zuwendet und an dieser scheitert: Von Eifersucht übermannt, wird er zum Mörder, flüchtet in sein Kloster. Aus diesem Stoff ließe sich ein Melodram formen, ein Psychothriller vielleicht.
Oder etwas ganz anderes. Etwas wie »Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling«, wenn nur der Regisseur und Drehbuchautor Kim Ki-duk heißt.
Kim Ki-duk: 1960 geborener Südkoreaner ohne ordentliche Schulbildung, zunächst in einem Dorf, später in Seoul aufgewachsen, früh in der Landwirtschaft arbeitend. In der Marine gedient, sich in Frankreich mit Malerei über Wasser gehalten. Kein Cineast. Als Regisseur Autodidakt.
Schon sein Erstlingswerk »Das Krokodil« zeigt, welche Themen Kim fortan beschäftigen werden: Gewalt, Sex, Wortlosigkeit. »The Isle« beschert ihm 2000 den internationalen Durchbruch.
Im Unterschied zu früheren Filmen wird die Gewalt in »Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling« vor allem berichtet, bleibt sie abwesend anwesend – und erscheint unausweichlich. Denn für Kim ist Gewalt eine Form von Energie, überall anzutreffen, selbst in der Liebe.
Und im Kind (Kim Jung-Young). Der Junge durchstreift im Frühling die Landschaft und vergnügt sich damit, Schlange, Frosch und Fisch zu quälen. Am nächsten Morgen erwachend, kann er sich kaum bewegen, weil der alte Mönch (Oh Young-su) ihm eine Lehre erteilen will und ihm einen schweren Stein auf den Rücken gebunden hat, ganz so, wie es der Junge mit den Tieren getan hat. »Wenn eines der Tiere stirbt, wirst du diesen Stein immer auf deinem Herzen tragen«, erklärt der Mönch.
Kim konzentriert die gesamte Handlung des Films auf einen einzigen Ort, den vor 200 Jahren angelegten künstlichen Jusansee. Von Bäumen umstanden, hinter denen die Berge aufsteigen, abgeschieden von der Welt, bietet ein schwimmender, hölzerner Tempel Raum, ganz im buddhistischen Sinne Begierden abzustreifen und damit Abhängigkeiten.

Während der alte Mönch alles Wollen abgelegt zu haben scheint, weiß er, was dem dem jugendlichen Schüler (Seo Jae-kyung) bevorsteht, als er sich in ein Mädchen verliebt, das von seiner Mutter auf die schwimmende Insel gebracht wird, von einer nicht näher erklärten Krankheit geheilt zu werden. Der Schüler verlässt das Kloster im Sommer und kehrt als erwachsener Mann (Kim Young-min) im Herbst zurück, zum Mörder geworden und von der Polizei verfolgt. Bevor der alte Mönch seine Verhaftung zulässt, erlegt er ihm Buße auf. Im Winter scheidet der alte Mönch aus dem Leben, bevor der ehemalige Schüler, nunmehr vom Regisseur selbst gespielt, aus der Haft entlassen den Ort aufsucht, an dem er aufgewachsen ist, um seinerseits die Stelle des Alten einzunehmen.
Kims »Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling« ist ein Film, der in wunderschönen Bildern kühl den Weg schildert, selbst frei zu werden von Leidenschaften. Aus dem Stoff ist kein Melodram entstanden, kein Thriller. Sondern ein meditativer Bilderreigen.
Thomas Steinberg, 2004
In einem schwimmenden Kloster leben ein alter Mönch und sein Schüler. Dieser gibt seinen Leidenschaften nach, wird schuldig, wird bestraft und kehrt schließlich als alternder Mann ins Kloster zurück. Der ewige Kreislauf beginnt neu, als er Lehrer eines kleinen Jungen wird.
Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling (Bom, Yeoreum, Gaeul, Gyeowool, Geurigo, Bom)
Land: Korea/Deutschland
Jahr: 2003
Genre: Drama
Buch und Regie: Kim Ki-duk
Kamera: Baek Dong-hyun
Musik: Bark Ji-woong
Schnitt: Kim Ki-duk
Darsteller: Oh Young-su (alter Mönch), Kim Jung-Young (der Mönch als Kind), Seo Jae-kyung (der Mönch als Schüler), Kim Young-min (erwachsener Mönch), Kim Ki-duk (reifer Mönch), Ha Yeo-jin (Mädchen), Kin Jung-young (Mutter des Mädchens), Ji Dae-Han, Choi Min, Park Ji-A, Song Min-Young
Produzenten: Lee Seung-jae, Karl Baumgartner, Raimund Goebel, Kim So-hee
Länge: 102 Minuten
Format: Farbe, 1:1.85
Sprachversion: deutsch
FSK: ab 12