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Fräulein Stinnes fährt um die Welt

Szene aus Fräulein Stinnes fährt um die Welt
Clärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström bei Indianern.

Ferdinand Magellan schaffte es nicht. Er, der eine Expedition von fünf Schiffen leitete, die die Welt umsegeln wollte, kam bei Auseinandersetzungen mit Einheimischen auf den Philippinen ums Leben. 1522, drei Jahre nach dem Start vollendete ein übrig gebliebenes Schiff namens Viktoria die historische Mission – die erste Weltumrundung in der Geschichte der Menschheit (ganz nebenher war damti bewiesen: die Erde ist eine Kugel).

Mehr als 400 Jahre kündigt Clärenore Stinnes eine Reise an, die vor ihr noch nie jemand unternommen hatte: eine Weltumfahrung im Auto. Ihr steht zur Verfügung: in Pkw Marke Adler. Das Modell Standard 6 bringt es auf 45 PS (würde mithin in jedem heutigen Autotest als dramatisch untermotorisiert beschrieben) und verbraucht 15 Liter auf 100 Kilometer. Stinnes’ Plan war nicht nur wegen der bescheidenen Technik kühn – das Automobil hatte isch in den 20er Jahren noch nicht das Automobil untertan gemacht. Straßen? Gab es in vielen Gegenden überhaupt nicht.

Stinnes und ihr Begleiter, der schwedische Fotograf und Kameramann Carl-Axel Söderström wurden bei ihrer Rückkehr als Helden gefeiert; geschickt hatte Stinnes gewusst, die PR-Maschinerie zu bedienen, war in den Kinowochenschauen immer wieder über die Tour berichtet wurden, kam 1931 schließlich ein Dokumentarfilm in die Kinos, den Regisseurin Erica von Möller als Grundlage für ihre Doku-Fiction »Fräuein Stinnes reist um die Welt« nutzt. Sie ergänzt das (stumme) Material mit Spielfilmsequenzen, in denen Sandra Hüller die Rolle der Stinnes übernimmt.

Clärenore Stinnes war Tochter des Großindustriellen Hugo Stinnes und eine höchst selbstbewusste und unabhängige Frau, eine nüchterne Organisatorin und clevere Geschäftsfrau: hatten zwei ihrer Brüder nur zwei Jahre benötigt, das Erbe des Vaters – damals weltweit größter Arbeitgeber – zu verspielen, gelang es ihr, für die Tour genügend Sponsoren zu finden. Ihr Abenteuer sollte kein finanzielles werden.

Als ihre Expedition am 25. Mai 1927 in Berlin startete, gehörte noch ein Lkw mit zwei Technikern dazu. Die allerdings stiegen schon nach wenigen Wochen aus – in Moskau angekommen befanden sie, das Ganze werde doch zu anstrengend. Dabei standen die wirklichen Herausforderungen noch bevor: Pannen, Ärger mit Behörden, eine riskante Fahrt über den vereisten Baikalsee, unwegsame Routen, die manchmal freigesprengt werden mussten.

Stinnes und Söderström schafften es. Sie hatten Europa, Rußland, China, Japan, Hawaii, Mittel- und Südamerika, die USA durchquert. Am 24. Juni 1929 kamen sie in Berlin an. Und heirateten wenig später.

Thomas Steinberg, 2009

Kurz und knapp

Dokumentation über eine Frau, die Ende der 20er Jahre mit einem Automobil die Welt umrundete.

Daten und Personen

Land: Deutschland
Jahr: 2008
Regie: Erica von Moeller
Buch: Sönke Lars Neuwöhner
Kamera: Sophie Maintigneux
Musik: Andreas Schilling
Schnitt: Gesa Marten
Darsteller: Sandra Hüller (Clärenore Stinnes), Bjarne Henriksen (Carl-Axel Söderström), Martin Brambach (Journalist), Andreas Schlager (Julius Aussenberg), Robert Beyer (Viktor Heidlinger), Stefan Rudolf (Hans Grunow), Li Hagman (Martha Söderström), Mark Zak (Oleg), Yu Fang (Mr. Jang)
Produktion: Bernd Wilting, Uli Veith
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 6

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