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Fitzcarraldo

Szene aus 'Fitzcarraldo' - Klaus Kinski und das Schiff am Berg
Klaus Kinski in »Fitzcarraldo«.

Fitzcarraldo ist zufrieden mit sich. Sitzt entspannt auf dem Deck eines Dampfers, lauscht den Klängen einer Oper, und weiß, die Idee war einen Versuch wert, auch wenn er – wieder einmal – vollkommen pleite ist. Selten hat man Klaus Kinski, oftmals irrer Berserker vor der Kamera, so entspannt, heiter beinahe, gesehen, wie in Werner Herzogs Film »Fitzcarraldo«.

Das ist um so verwunderlicher, als »Fitzcarraldo« unter schier unglaublichen Bedingungen gedreht wurde, nämlich mitten im peruanischen Urwald, wo praktisch alle Infrastruktur fehlte, die Filmemacher und Schauspieler normalerweise voraussetzen. Über vier Jahre zogen sich die Dreharbeiten hin, immer wieder schien das Projekt vor dem Aus zu stehen, an dem viele Werner Herzog, Regisseur von »Fitzcarraldo«, endgültig scheitern sahen.

Der falsche Ort

Brian Sweeney Fitzgerald, genannt Fitzcarraldo, irischer Herkunft, ist Opernnarr. Eine solche Leidenschaft auszuleben, ist eine peruanische Stadt mitten im Dschungel der falsche Ort. Es fehlt in Iquitos nicht nur an einem Opernhaus und Künstlern, mehr noch mangelt es den schnell reich gewordenen Unternehmern an Interesse und Verständnis, eine solch spinnerte Idee wie den Bau eines Opernhauses finanziell zu unterstützen – lieber verfüttern sie Geldscheine an Fische im Pool. Fitzcarraldo selbst fehlt es an Geld. Bislang erwiesen seine Projekte sich stets als wirtschaftliche Debakel. Von den Schienen für die Anden-Bahn wurden nur einige hundert Meter verlegt. Dass die Eisfabrik sich gleichfalls zum Desaster entwickelt, kann Fitzcarraldo nicht ernstlich erschüttern. Statt das Geld zusammen zu schnorren, beschließt er, es im Kautschuk-Handel zu verdienen. Seine Freundin Molly (Claudia Cardinale), eine Edelbordell-Inhaberin, fördert die Idee finanziell und moralisch, und so kann er einen Kautschukwald kaufen.

Nicht ohne Grund hat sich für den Wald bislang kein Interessent gefunden, denn dessen Kautschukbäume gelten als unerreichbar, weil die teuflischen Stromschnellen Pongo das muertes des Rio Ucayli Schiffen den Weg versperren. Voller Vertrauen, das Unmögliche leisten zu können, erwirbt Fitzcarraldo einen altersschwachen Dampfer, mit dem der Kautschuk, wenn er erst einmal gewonnen sein würde, verschifft werden könnte.

Reise stromauf

Über seine genauen Pläne schweigt Fitzcarraldo sich aus und sorgt so für Erstaunen, als er den Kautschukumschlagplatz Iquitos stromauf verlässt – man hatte erwartet, er würde den Amazonas hinabfahren um – wie auch immer – die Stromschnellen zu überwinden, woran Fitzcarraldo keinen Augenblick gedacht hat. Er will den Rio Pachitea hinauffahren, einen Nebenfluss des Amazonas, den die an seinen Ufern beheimateten Aguaruna-Indianer bislang erfolgreich gegen die Weißen verteidigt haben. Zu den wenigen Überlebenden einer Expeditionen einige Jahre zuvor zählt Fitzcarraldos Kapitän Orinoco Paul (Paul Hittscher), ein Typ, der schon mal den Geschmack des Wassers nutzt, um sich zu orientieren.

Und der weiß genau: als die Kriegstrommeln der Aguaruna-Indianer aus dem Dickicht an den Ufern dringen, bleibt den Männern auf der »Molly« nur eine Chance: nicht zu provozieren und ansonsten der Dinge zu harren, die da kommen. Es ist Fitzcarraldo, der auf eine eigenwillige Idee verfällt, den unsichtbaren Indianern zu antworten: mittels Grammophon und einer Caruso-Schelllackplatte beschallt er den Urwald.

Der Zauber wirkt. In Hunderten von Kanus nähern sich die Eingeborenen dem Schiff, nicht um es anzugreifen, sondern um es friedlich zu entern, weil schließlich eine ihrer Legenden von einem Gott auf einem weißen Schiff erzählt. Mag der Kontakt mit Weißen sie längst zu der Erkenntnis geführt haben, dass es sich bei Fitzcarraldo und seiner kleinen Mannschaft keineswegs um lichte Gestalten handeln kann, so helfen sie ihnen doch, den aberwitzigen Plan des Iren zu realisieren. Der nämlich hat eine Stelle entdeckt, wo sich Rio Pachitea und Rio Ucayli sehr nahe kommen, lediglich von einem schmalen Streifen Land getrennt sind. Über diesen soll der Dampfer geschleppt werden, erklärt Fitzcarraldo der staunenden, vor sich einen bewaldenden Berg erblickenden Mannschaft.

Die Bäume werden gerodet, der Berg zum Teil fortgesprengt und abgeflacht – sofern ein Anstieg von 40 Grad als flach gelten kann. Bei all diesen Arbeiten packen die Indianer kräftig zu, ohne dass Fitzcarraldo erklären könnte, warum sie sich der Plackerei aussetzen, ein Schiff mit Muskelkraft und Unterstützung der schiffseigenen Dampfmaschine von einen Fluss zum anderen zu schleppen.

Er wird es erst erfahren, als das Werk vollbracht scheint, das Schiff im Ucayli schwimmt und Mannschaft wie Indianer feiern: die einen das, was hinter, das, was vor ihnen liegt, die anderen. Als Fitzcarraldo und seine Leute sturzbetrunken eingeschlafen sind, kappen die Indianer die Taue – und lassen das Schiff – einer gigantische Opfergabe für die Flussgeister gleich – den Rio Ucayli hinabtreiben, hinein in den Pongo das muertes . Dort erst kommt die Mannschaft zu sich, muss hilflos mit ansehen, wie die »Molly« gegen Felsen kracht und kann froh sein, die Passage durch die Stromschnellen und Strudel selbst halbwegs unversehrt überstanden zu haben. Als das Schiff, arg ramponiert, die Iquitos erreicht, ist Fitzcarraldo kein geschlagener Mann. Mit seinem letzten Geld holt er eine im brasilianischen Manaus gastierende Operntruppe in das Urwaldkaff, wo sie Bellinis »Puritani« aufführt.

Unglaublich, wie die Geschichte Fitzcarraldos erscheint, sie basiert – zumindest entfernt – auf einem historischen Vorbild: Einer der Kautschukbarone Perus ließ ein Schiff über Land transportieren, allerdings in Einzelteilen zerlegt. Doch das historische Unterfangen mutet bescheiden an im Vergleich zu dem, was Herzog aus dem Stoff machte: er nämlich verzichtete auf Tricks und wollte einen kompletten Dampfer über einen Berg bringen. Dass aus dem Vorhaben ein eigens engagierter Ingenieur ausstieg, weil ihm das Vorhaben zu riskant erschien, war noch die geringste Schwierigkeit, mit der Herzog konfrontiert war.

Ende nach 40 Prozent

Wohl wenige Filme entstanden unter derart widrigen Bedingungen wie »Fitzcarraldo« – um so erstaunlicher, dass Kinski entspannt wie nie vor der Kamera agiert. Dabei hatte Herzog den tobsüchtigen Star, seinen liebsten Feind, mit dem er bereits drei Filme (»Aguirre, der Zorn Gottes«, »Nosferatu – Phantom der Nacht«, »Woyzeck«) gedreht hatte, die Rolle ursprünglich nicht zugedacht, sondern Jason Robards jr. (»Spiel mir das Lied vom Tod«, »Magnolia«) und ihm als Gehilfen Mick Jagger zur Seite gestellt. Nach einigen Wochen wurde der Schauspieler von der Amöbenruhr gezwungen, den Dreh aufzugeben, zu einem Zeitpunkt, als bereits 40 Prozent des Films gedreht waren. Dass Jagger wenig später ausstieg, war dem völlig aus den Fugen geratenen Zeitplan geschuldet, der mit anderen Verpflichtungen des Rolling-Stones-Sängers kollidierte.

War Werner Herzog damit gezwungen, sich nach einem neuen Hauptdarsteller umzusehen, hatte er schon einmal sein Vorhaben von vorn beginnen müssen. Es ist noch kein Meter Film belichtet, als der »Stern« mit einer groß aufgemachten Geschichte herauskommt. Titel: »Die Herzog-Horror-Picture-Show«. Der haarsträubende Vorwurf: Der Regisseur sei irgendwie an der Verfolgung von Indianern beteiligt. Obwohl Amnesty International nach eigenen Untersuchungen dem Filmemacher Absolution erteilte – die Geschichten blieben, wie Herzog einräumte, jahrelang an ihm hängen und schädigten seinen Ruf, wie man heute sagt, nachhaltig.

Vermutlich war Herzog einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Ursprünglich beabsichtigte er, die Flussszenen nahe Iquitos zu drehen, einer Urwaldstadt, die für den Film nicht eigens hergerichtet werden musste: sie hatte sich seit dem Kautschukboom um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wenig verändert. Die Indianer der Umgebung, Aguaruna, waren misstrauisch gegenüber Weißen, die als Siedler oder auf der Suche nach Holz und Erdöl sie mehr und mehr in Bedrängnis brachten. Trotzdem, so stellt es der Lee Blanks Dokumentarfilm »Die Last der Träume« dar, in dem die Dreharbeiten geschildert werden, konnte sich Herzog mit den ansässigen Indianern einigen, während ein neu gegründeter Stammesrat den Film torpediert, weil er angeblich ein veraltetes Bild der Indianer transportiere. Wilde Gerüchte wie etwa vom Bau eines Kanals zwischen den beiden Flüssen machten die Runde. Das Camp wurde niedergebrannt. Herzog gab auf.

Der Neubeginn

Schwierig gestaltete sich die Suche nach einem Ausweichdrehort, da die geographischen Gegebenheiten stimmen mussten: Zwei Flüsse die nahe beieinander liegen. Fündig wurde man 2000 Kilometer der Basis Iquitos entfernt an den Flüssen Ururubamba und Camisea, obwohl die nur bedingt für große Dampfer geeignet sind und die Logistik wegen der Entfernung sich weiter verkompliziert.

Szena aus 'Fitzcarraldo' - An Bord
Fitzcarraldo und der Häuptling der Kampas.

Als neue Statisten wurden Machiguenga und Kampa angeworben, denen Herzog vertraglich zusicherte, sie in ihren Forderungen nach Land zu unterstützen. Dass er für die indigenen Statisten ein eigenes Camp einrichten ließ, ein Stück entfernt von dem der professionellen Crew, trug ihm indes neuerlich Vorwürfe ein, sogar faschistoides Denken unterstellte man ihm. Herzog verteidigte sich mit dem Hinweis, dass es wenig sinnvoll gewesen wäre, die Indianer mit einem völlig anderen Lebensstil zu konfrontieren, vorhandene Unterschiede zu verwischen, auch wenn er ahnt: »Es ist wahrscheinlich einer der letzten Spielfilme mit authentischen Indianern.« Freilich, stellt der Regisseur in einem Kommentar zu »Fitzcarraldo« klar: Es sei kein völkerkundlicher Film. Er stilisiere die Indianer. »Sie sind Schauspieler in meinem Film«, die keine Mühen scheuen, den Dampfer über den Isthmus zu wuchten.

Eine solche Landpassage war ohne Vorbild. Mochte im Hintergrund ein Raupenschlepper mitgeholfen haben, das Schiff die endlos lange Böschung hinaufzuziehen – dadurch, dass Herzog einen hunderte Tonnen schweren Dampfer ziehen ließ, wurde die physische Anstrengung unmittelbar im Film sichtbar.

Zwei Schiffe hat der Drehbuchautor und Regisseur in Iquitos nach dem Vorbild eines 1902 in Kolumbien gebauten Passagierschiffes fertigen lassen, die nicht nur einen Berg zu überwinden hatten, sondern mitten durch den tosenden Pongo das muertes geschickt wurden – mit der halben Crew an Bord. Dumpf krachte der Stahl gegen Felsen, und bei einem besonders heftigen Aufprall verletzte sich Herzogs langjähriger Kameramann Thomas Mauch schwer die Hand.

Als im November 1981 die letzten Aufnahmen für »Fitzcarraldo« gemacht wurden, waren vier Jahre vergangen, seit mit den Arbeiten an diesem Projekt begonnen wurde. »Ich sollte keine Filme mehr machen«, räsonierte Herzog später, »sondern geradewegs ins Irrenhaus gehen. Vieles an diesem Film ist irgendwie geisteskrank.«

Thomas Steinberg, 2005

Kurz und knapp

Mitten im Amazonas-Urwald plant ein Ire den Bau eines Opernhauses. Um das dafür notwendige Geld zu erwirtschaften, will es Kautschuk zapfen, der mit einem Schiff transportiert werden soll. Doch zwischen Schiff und Wasser liegt ein Berg, über den das Schiff mit Muskelkraft geschleppt wird.

Daten und Personen

Fitzcarraldo
Land: BRD
Jahr: 1982
Buch und Regie: Werner Herzog
Kamera: Thomas Mauch
Musik: Popol Vuh, Vincenzo Bellini, Giacomo Puccini, Richard Strauss, Giuseppe Verdi
Schnitt: Beate Mainka-Jellinghaus
Darsteller: Klaus Kinski (Brian Sweeney Fitzgerald, genannt Fitzcarraldo), Claudia Cardinale (Molly), José Lewgoy (Don Aquilino, Kautschukbaron), Miguel Ángel Fuentes (Cholo, der Mechaniker), Paul Hittscher (Orinoco Paul), Huerequeque Enrique Bohorquez (Huerequeque, der Koch), Grande Otelo (Stationsvorsteher), Peter Berling (Opera Manager), David Pérez Espinosa (Häuptling der Kampa Indianer), Milton Nascimento (Schwarzer in der Oper), Rui Pocannah (Kautschukbaron), Salvador Godínez (alter Missionar), Dieter Milz (junger Missionar), William L. Rose (Notar), Leoncio Bueno, Jean-Claude Dreyfus (Opernsänger), Jesús Goiri (Opernsänger), Veriano Luchetti (Opernsänger), Lourdes Magalhaes (Opernsänger), Christian Mantilla (Opernsänger), Costante Moret (Opernsängerin), Dimiter Petkov (Opernsänger), Mietta Sighele (Opernsängerin), Liborio Simonella (Opernsänger), Isabel Jimines de Cisneros (Opernsängerin)
Produzenten: Werner Herzog, Willi Segler, Lucki Stipetic
Länge: 158 Minuten
Format: Farbe
Sprachversion: deutsch
FSK: ab 12

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