
Georg Wilhelm Pabst (1885 bis 1967) hat es nicht an Selbstbewusstsein gemangelt, als er 1930 die »Dreigroschenoper« verfilmte: »Ich stehe konträr zu Brecht und Weill, den Autoren. Aber gerade dieses divergierende Verhältnis trägt für mich dazu bei, meinen eigenen künstlerischen Intentionen zu folgen.« Ursprünglich hatte Bertolt Brecht vor, das Drehbuch selbst zu verfassen, kam jedoch damit nicht voran. Die Nerofilm AG beauftragte deshalb andere Autoren mit der Arbeit. Brecht sah seine Rechte verletzt, verklagte die Produktionsfirma, unterlag vor Gericht, schlug aber immerhin ein höheres Honorar heraus. Im Übrigen hatte er selbst es nicht gar so genau genommen mit den Rechten am geistigen Eigentum: Die »Dreigroschenoper« fußt ganz wesentlich auf einer Übersetzung seiner Ex-Geliebten Elisabeth Hauptmann: Sie hatte John Gays »Beggars Opera« ins Deutsche übertragen.
Brecht wollte das »Attentat auf die bürgerliche Ideologie (…) auch im Film veranstalte« wissen. Für ihn verkörperte Pabst einen Teil der kapitalistischen Filmindustrie. Was nicht ohne Ironie ist: Der Regisseur, neben Wilhelm Murnau und Fritz Lang der dritte große Filmemacher in Zeiten der Weimarer Republik, galt damals als links, ja geradezu als rot. Stets hatte er, der seinen ersten Film »Die freudlose Gasse« erst mit 37 Jahren drehte, sich für soziale Belange interessiert – und sich ganz bewusst von der rechten Hugenbergschen UFA abgewandt, um zur Nero zu wechseln.
Seine eigenen Ideen folgend legte Pabst »Die Dreigroschenoper« weniger aggressiv, weniger plakativ an als Brecht. Im Atelier gedreht, vorwiegend im Halbdunkel spielend, gemahnen die Bilder nicht selten an die Ästhetik des deutschen Stummfilms der 20er Jahre. Mackie Messer wurde verkörpert von Rudolf Forster als ein so zynischer wie eleganter Gauner, der das gute Leben zu schätzen weiß. Seine Beziehung zu Polly entwickelt beinahe romantische Züge – die beide, aus dem Milieu des Halbseidenen aufgestiegen – in der Großbürgerlichkeit ankommen lässt: Mackie wird Direktor einer von Polly gegründeten Bank.
Parallel zur deutschen Version drehte Pabst eine französische mit Albert Préjean in der Hauptrolle. Dieses Verfahren war zu Beginn der Tonfilmära üblich, erst später setzte man auf die Synchronisation fremdsprachiger Filme oder deren Untertitelung.
Thomas Steinberg, 2003
Erste Verfilmung der »Dreigroschenoper« von Brecht und Weill.
Die Dreigroschenoper
Land: Deutschland, USA
Jahr: 1931
Regie: Georg Wilhelm Pabst
Buch: Ladislaus Vajda, Leo Lania, Béla Balázs
Kamera: Fritz Arno Wagner
Musik: Theo Mackeben, Kurt Weill
Schnitt: Hans Oser
Darsteller: Rudolf Forster (Mackie Messer), Carola Neher (Polly), Reinhold Schünzel (Tiger Brown), Fritz Rasp (Peachum), Valeska Gert (Mrs. Peachum), Lotte Lenya (Jenny), Hermann Thimig (Pfarrer), Ernst Busch (Straßensänger) u.a.
Produktion: Seymour Nebenzahl
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 16
Sprachversion: deutsch