
Lars von Trier war nie in Amerika. Und er hat, so scheint es, nicht die Absicht, so schnell dorthin zu reisen. Warum auch? Er holt sich seinen Star aus Amerika, schafft ihn irgendwohin in eine schwedische Einöde, wo die Sonne selten scheint und tyrannisiert ihn dort, indem er ihn zwingt, sich anketten zu lassen. Nicole Kidman hat daraufhin die weitere Zusammenarbeit mit Lars von Trier aufgekündigt: »Dogville«, so ist zu vermuten, wird ihre einzige Rolle in einem Lars-von-Trier-Film bleiben.

Der ist ungewöhnlich genug. Drei Stunden lang, eingeschränktes Personal und dabei spartanischer ausgestattet als eine Fernsehserie in den 70er Jahren: Ein Umriss, gezeichnet auf knarrende Bühnenbretter, »Dog« drangeschrieben, ersetzt den Vierbeiner, eine Handbewegung ins Leere zeigt das Schließen einer Tür. Hier, in der Überschaubarkeit eines winzigen Fleckens, bleibt der Kamera nichts verborgen.
Auch nicht die Ankunft von Grace (Nicole Kidman). Tom (Paul Bettany) bringt die Städterin in Sicherheit vor dem sie verfolgenden Verbrecher-Clan. Als die Einwohner vom Schicksal der Fremden erfahren, ist der Entschluss schnell gefasst: Grace soll bleiben, zunächst auf Probe.
Zwei Wochen später befindet die Gemeindeversammlung erneut über Grace und gewährt ihr einstimmig unbegrenzte Aufenthaltsrechte. Grace nämlich hat Toms dringenden Ratschlag beherzigt und sich bei den Dorfbewohnern nützlich gemacht, obwohl ein jeder von ihnen zunächst barsch Hilfe ablehnt. Mit ihrer sanftmütigen Hartnäckigkeit überzeugt Grace schließlich alle – irgendeine unerledigte Arbeit findet sich in jedem Haushalt, Garten oder Geschäft, die das Mädchen übernehmen kann. Man ist zufrieden mit Grace, man zahlt ihr sogar ein wenig Geld, das sie in Porzellanfigürchen anlegt, die bislang ein Dasein als Ladenhüter bei Ma Gringer (Lauren Bacall) fristeten.
Die Monate vergehen, in denen Grace heimisch wird in Dogville.
Bis zu dem Tag, als der Dorfsheriff nach Dogville kommt, und das Plakat mit Grace’ Foto austauscht: »Missing« stand über dem ersten. »Wanted« über dem zweiten, das wenig später die ursprüngliche Fassung ersetzt

Von nun an beginnen die Dörfler, Grace zu bedrängen, sie auszunutzen. Bei nichtigsten Anlässen wird Grace geschurigelt. Tom will ihr zur Flucht verhelfen. Der Plan scheitert. Fortan, so wird beschlossen, werde Grace ein Halsband tragen, das sie an ein Wagenrad fesseln soll. Die Männer des Dorfes betrachten die Fremde als Freiwild und vergewaltigen sie nach Belieben. Als Tom, der es nie gewagt hat, sich Grace zu nähern, wiederum Zuschauer bleibt, packt ihn die Wut – auf Grace. Mit einem Anruf lotst er die Gangster ins Dorf. Nicht ahnend, dass mit ihnen die Vergeltung naht. Und dass Grace, die in ihrer sanften Arroganz unendlich Duldsame und Nachsichtige, zur Erkenntnis gelangen wird, die Welt wäre besser dran, gäbe es diese Stadt nicht: Dogville.
Lars von Trier hat mit Dogville eine geplante Amerika-Trilogie eröffnet. U, S & A soll sie heißen. Und diese Idee hat ihm, wie schon zuvor »Dancer in the Dark«, jenseits des Atlantiks von einzelnen Medien heftige Kritik eingebracht: von Trier sei antiamerikanisch.
Ein ums andere Mal hat der Regisseur diesen Vorwurf zurückgewiesen. »Ich bin ein American«, hatte er – unter Anspielung auf einen berühmten Kennedy-Satz – bei einer Cannes-Pressekonferenz 2003 laut »New York Times« behauptet.
Die Frage des Antiamerikanismus ist aber wohl eher eine nebensächliche. Von Trier, dem ein gerüttet Maß an Größenwahnsinn nachgesagt wird, ist ausgezogen, das Phänomen Film zu untersuchen. So ist er die herausragende Gestalt des von ihm mitbegründeten »Dogma 95«-Kinos: Wollen Filme das Dogma-Qualitätssiegel, müssen sie ohne Zusatzbeleuchtung mit Digitalkameras an Originalschauplätzen im Hier und Heute gedreht sein. »Dogville« hat mit diesen (und den weiteren) Film-Dogmen endgültig gebrochen.
»Dogville« spielt weder in der Gegenwart, noch wird die Handkamera genutzt. Gedreht wurde auf einer Theaterbühne mit Kulissen. In gewisser Weise ist »Dogville« ein Gegenentwurf zur Kultur und Technik des (amerikanischen) Gegenwartskinos, in dem, wie Lars von Trier beklagte, auf nichts mehr Verlass ist, seit tatsächlich alles digital manipuliert werden kann.
Thomas Steinberg, 2003
Eine junge Frau verschlägt es auf der Flucht vor Gangstern in ein Dorf in den Rocky Mountains. Nach anfänglicher Skepsis nehmen dessen Bewohner sie auf. Als bekannt wird, dass sie von der Polizei gesucht wird, wird sie zur Sklavin gemacht.
Dogville (Dogville)
Land: Dänemark, Frankreich, Schweden, Norwegen, Deutschland, Niederlande
Jahr: 2003
Regie: Lars von Trier
Buch: Lars von Trier
Kamera: Anthony Dod Mantle
Schnitt: Molly Marlene Stensgaard
Darsteller: Nicole Kidman (Grace), Harriet Andersson (Gloria), Lauren Bacall (Ma Ginger), Jean-Marc Barr (Mann mit dem großen Hut), Paul Bettany (Tom Edison Jr.) Blair Brown (Mrs. Henson), James Caan (Big Man), Patricia Clarkson (Vera), Jeremy Davies (Bill Henson), Ben Gazarra (Jack McKay), Philip Baker Hall (Tom Edison Sr.), Siobhan Fallon Hogan (Martha), Zeljko Ivanek (Ben), Udo Klier (Mann im Mantel), Stellan Skarsgård (Chuck), John Hurt (Erzähler)
Produktion: Vobeke Wineløve, Gillian Berrie, Bettina Brokemper, Anja Grafers, Liisa Penttilä, Els Vendevorst
Länge: 178 Minuten
FSK: ab 12
Sprachversion: deutsch