
Wenn man ungerecht sein wollte, könnte man von Audrey Tautou sagen, dass sie nett sei. Seit dem unglaublichen Erfolg in »Die fabelhafte Welt der Amélie« hängt ihr das Klischee der unschuldigen, rehäugigen Schönheit an; und auch in den folgenden Filmen wurden ihr eher freundliche Rollen zugeschrieben. Und nun das: Tautou spielt Coco Chanel, die Modeschöpferin, die von ganz unten kommend zu einer der wichtigsten Gestalten des 20. Jahrhunderts wurde, eine Frau, von der bekannt war, dass die ihre Arbeit über alles stellte, kühl ihre Karriere plante (und dabei vor unappetitlichen Kontakten mit den Nazis nicht zurückschreckte), die jederzeit bereit war, auf Fragen zu ihrer Person mit Lüge zu antworten, die meinte, Sex sei das einzige, was an der Liebe zähle, wozu man dummerweise einen Mann bräuchte.
Geht das also, kann Audrey Coco sein? Sie kann: Nicht nur, weil die Schauspielerin der Modeschöpferin verblüffend ähnelt. Sondern nicht minder, weil sie es versteht, ihrem Ausdruck, ihrer Stimme, jene Härte zu verleihen, die für Chanel durchaus charakteristisch war. Und: die Regisseurin Anne Fontaine, die Regisseurin und Drehbuchautorin, hat sich eine Beschränkung auferlegt, von welcher der (einmal mehr unpassende) deutsche Titel nichts ahnen lässt: »Coco avant Chanel« heißt der Film im Original »Coco vor Chanel« oder »Bevor Coco Chanel wurde«. Der Film endet, als Coco Chanel, die Tochter eines Handlungsreisenden, geboren in einem Armenhaus, kurz davor stand, zur Berühmtheit zu werden und ihren Namen zur Marke zu machen.
Fontaine beweist mit ihrem Film strikte Loyalität zu ihrer Protagonistin, ohne sie dabei zu verklären. Und sie zeigt nicht nur, wie eine neue Mode entsteht, sondern Frauen zu einem neuen Selbstverständnis finden, das die alten Vorstellungen und Rollen überwindet und sich nicht zuletzt in der Mode ausdrückt: Frauen werden verpackt und verschnürt in immer ausladenderen Roben, werden, wie Chanel sich einmal spöttisch äußert, zu Sahnetorten.
Chanels Aufstieg wäre vermutlich gar undenkbar gewesen, wäre sie nicht Geliebte des Millionärs Étienne Balsan (Benoît Poelvoorde) geworden, der sich irrte, als er glaubte, die hübsche junge Frau ins Schlafzimmer sperren zu können: Chanel drängt sich in eine Gesellschaft, die sich ohne es zu ahnen am Vorabend des ersten Weltkrieges bereits in Auflösung befindet und hinter viel Dekor den Verfall zu verbergen sucht. Und so beginnt Chanel, die einstige Arbeiterin in einer Nähstube, ihre Operationen: sie kürzt und strafft und nimmt weg, bis am Ende bleibt, was unter Stoff verborgen war – eine Persönlichkeit.
Thomas Steinberg, 2009
Biopic der Modemacherin Coco Chanel bis zur Zeit vor ihrem großen Durchbruch.
Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft (Coco avant Chanel)
Land: Frankreich
Jahr: 2009
Regie: Anne Fontaine
Buch: Anne Fontaine, Camille Fontaine nach dem Romane Edmonde Charles-Roux
Kamera: Christophe Beaucarne
Musik: Alexandre Desplat
Schnitt: Luc Barnier
Darsteller: Audrey Tautou (Coco Chanel), Benoît Poelvoorde (Étienne Balsan), Alessandro Nivola (Arthur »Boy« Capel), Marie Gillain (Adrienne Chanel), Emmanuelle Devos (Emilienne d’Alençon), Régis Royer (Alec), Etienne Bartholomeus (Oberkellner), Yan Duffas (Maurice de Nexon), Fabien Béhar (Boutiquebesitzer)
Produktion: Caroline Benjo, Philippe Carcassonne, Carole Scotta
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 6
Bewertung: besonders wertvoll