
Jasmin ist 17. und aufgewachsen in der zentralchinesischen Provinz Sichuan, wo Arbeit knapp ist. Gefunden hat sie diese 1000 Kilometer entfernt, im südchinesischen Shashi, wo Guo Xi Lam, ehemals Polizeichef der Stadt, eine Jeansfabrik errichtet hat. Er stellt Jasmin als Fadenabschneiderin ein. Der Job ist anstrengend: Schichten können schon mal 20 Stunden haben, wenn Wal Mart nach Nachschub schreit. Was von den Arbeiterinnen erwartet wird, machen Schilder mit Aufschriften wie »Wer heute nicht hart arbeitet, sucht morgen einen neuen Job«, klar. Andererseits: Guo hält sich einiges darauf zu Gute, dass es in seiner Fabrik ein kostenloses Essen während der Nachtschicht ausgereicht wird und die Unterkünfte für die Arbeiterinnen zwar schlicht, aber sauber eingerichtet sind und einen Standard bieten, der vielen der jungen Frauen von zu Hause nicht kennen: Jasmin etwa staunt über das fließende Wasser.
Micha X. Peleds Team musste lange suchen, bevor ein Unternehmer bereit war, seine Fabrik für einen Film wie »China Blue« zu öffnen. Dazu kamen die Schwierigkeiten, mit denen sich alle ausländischen Journalisten und Filmemacher in China konfrontiert sehen, wo Drehgenehmigungen und staatliche Kontrollen dafür sorgen sollen, dass nur der Partei- und Staatsführung genehme Bilder entstehen. Um die Restriktionen zu umgehen, ließ Peled die Kameraausrüstung ins Land schmuggeln und arbeitete außerhalb des sicheren Fabrikgeländes mit einheimischen Kameraleuten, die weniger auffielen, als westlich aussehende. Trotzdem gab es gelegentlich Ärger mit der Polizei, wurden Dreharbeiten unterbrochen und Mitarbeiter kurzzeitig verhaftet, als sie im Heimatdorf einer Jeans-Schneiderin filmen und zeigen, wie diese nach zwei Jahren zum ersten mal nach Hause zurückkehrt.
Kaum weniger kompliziert gestaltete es sich, Informationen zu beschaffen, sind doch unabhängige Gewerkschaften in China verboten. Als hilfreich erwies sich ein engagierter Ingenieur mit Zugang zu Akten der Geschäftsführung, aus denen sich ablesen lässt, wie Mitarbeiter für die Inspektionen der westlichen Abnehmer vorbereitet werden, damit nur gewünschte Antworten gegeben werden. Peled interviewt ihn anonym.
Die klandestine Arbeitsweise Peleds kommt seinem Film zugute: »China Blue« eröffnet Sichten auf eine Seite der globalisierten Wirtschaft, die den meisten Bewohnern der westlichen Welt verborgen bleibt – auch weil sie lieber nicht wissen wollen, unter welchen Bedingungen die preiswerten Waren entstehen (oder auch überteuerte Markenware).
Thomas Steinberg, 2009
Dok-Film über einen Sweat Shop in Südchina, wo Jeans für den amerikanischen Markt produziert werden.
China Blue
Land: USA
Jahr: 2005
Genre: Dokumentarfilm
Regie, Buch. Kamera, Produktion: Micha X. Peled
Musik: Miriam Cutler
Schnitt: Manuel Tsingaris
Länge: 88 Minuten
FSK: o.A.