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Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten

Szene aus Chéri
Michelle Pfeiffer, Rupert Friend.

Sie waren die letzten ihrer Art. Anfang des 20. Jahrhunderts begann sich die Gesellschaft zu verändern, Europa bewegte sich auf einen Weltkrieg zu, der später der erste genannt werden sollte. Die Phänomen der Kurtisane hatte sich überlebt, die heutigen Partygirls sind ein bestenfalls peinlicher Abklatsch ihrer Vorgängerinnen, die nicht allein schön waren, sondern gebildet, geistreich und durchaus als heimliche Ratgeberinnen die Entscheidungen von Herrschern oder Unternehmern zu beeinflussen wussten. Ihr Rolle freilich war teuer erkauft: sie waren berühmt, standen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und zugleich am Rande der Gesellschaft.

Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, bekannter unter ihrem Künstlernamen Colette, war mit der Pariser Gesellschaft der Jahrhundertwende bestens vertraut, war sie doch Teil eben dieser. Sie sorgte für Skandale, weil sie als Varietékünstlerin auf offener Bühne ihre lesbische Lebenspartnerin küsste. Sie schrieb häufig stark autobiographisch gefärbte Romane, arbeitete als Kolumnistin großer Tageszeitungen, erarbeitete sich Anerkennung als Literatin und verstand es stets, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu kontrollieren. Trotz offener Sympathie fürs Vichy-Regime wurde ihr 1953 ein Staatsbegräbnis zuteil. Colettes Romane dienten immer wieder als Vorlagen für Filme, wobei die »Gigi«-Leinwandadaption von Regisseur Vincente Minnelli die wohl bekannteste sein dürfte.

Nun hat sich der britische Filmemacher Stephen Frears in enger Kooperation mit Drehbuchautor Christopher Hampton des erfolgreichsten Colette-Werks angenommen, des 1920 erschienen Romans »Chéri«. Chéri ist der unglaublich gelangweilte, unglaublich antriebsarme 19-jährige Fred (Rupert Friend), verzogener Sohn der fett und bösartig gewordenen ehemaligen Kurtisane Madame Peloux (Kathy Bates). Sie plant die gesellschaftliche Karriere ihres Sohnes, weiß, dass ihm für eine solche es an Schliff fehlt und übergibt ihr der Obhub der Ex-Kollegin und Immer-noch-Rivalin Léa de Lonaval (Michelle Pfeiffer). Mehr als 30 Jahre beträgt der Altersunterschied zwischen beiden, beide halten sich für abgeklärt und doch widerfährt ihnen, womit sie nicht gerechnet hatten: sie verlieben sich ineinander; wollen sich das freilich nicht eingestehen. Sechs Jahre dauert diese éducation sentimentale dieser für beide ersten Liebe, und doch bleiben sie in den Konventionen einer Gesellschaft gefangen, die Gefühle mit schelen Augen betrachtet.

Frears Verfilmung ist sowohl Kostümfilm als auch eine Komödie voll garstigen Wortwitzes (dem sich vor allem die beiden Ex-Kurtisanen lustvoll hingeben). Und es ist das Comeback einer Frau, die sich eine Auszeit gönnte und nun mit 50 in einem Alter ist, da ansonsten Frauen in Hollywood aufs Abstellgleis geschoben werden: Michelle Pfeiffer, die zwanzig Jahre zuvor mit Frears »Gefährliche Liebschaften« drehte.

Thomas Steinberg, 2009

Kurz und knapp

Eine ehemalige Kurtisane gibt ihren Sohn in die Obhut einer früheren Kollegin, um ihm gesellschaftlichen Schliff verpassen zu lassen. Das sich beide verlieben, war indes nicht vorgesehen.

Daten und Personen

Land: Großbritannien, Deutschland; Frankreich
Jahr: 2009
Genere: Komödie
Regie: Stephen Frears
Buch: Christopher Hampton mach den Romanen »Chéri« und »Chéris Ende« von Colette
Kamera: Darius Khondji
Musik: Alexandre Desplat
Schnitt: Lucia Zucchetti
Darsteller: Michelle Pfeiffer (Léa de Lonval), Rupert Friend (Fred Peloux, genannt Chéri), Kathy Bates (Madame Peloux), Felicity Jones (Edmée), Iben Hjejle (Marie-Laure), Anita Pallenberg (La Copine), Tom Burke (Vicomte Desmond)
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 6

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