
»Wenn ich daran denke, wie gut das Buch wird«, sinniert Capote, »stockt mir der Atem.« Zu Recht. Denn »Kaltblütig«, das Buch, an dem Capote arbeitet, wird ein gutes Buch werden. Ein sehr gutes.
»Capote«, Bennett Millers erster Film, ist einer jener amerikanischen Produktionen, die seit wenigen Jahren häufiger den Weg in die Kinos finden: Wie »L.A. Crash«, »American Splendor«, »Garden State« oder »Elephant« beziehen sie ihre Berechtigung nicht mehr aus gigantischen Produktions- und Vermarktungsetats, aus einem gewaltigen Staraufgebot und dem Einsatz virtuelle Bilder erzeugender Rechnerfarmen. Sondern allein aus der Geschichte, die sie zu erzählen haben.
»Capote« konzentriert sich auf ganze sechs Jahre im Leben des amerikanischen Schriftsteller Truman Capote. In gewisser Weise stellt »Capote« ein Making Of des Tatsachenromans »Kaltblütig« dar.
Capote war eine charismatische und schwierige Person, er war erfolgreich, liebenswürdig und kaltblütig. Diesen widersprüchlichen Charakter zu verkörpern, der hoffte, mit Ruhm seine Einsamkeit zu übertönen, fiel Miller nur ein Darsteller ein: Philip Seymour Hoffman. Vorzugsweise Außenseiter, manche etwas schmierig, hatte dieser zuvor verkörpert. Man hat ihn ihn in »Magnolia« gesehen, in »Owning Mahowny«, in »Punch Drunk Love«, in »Boogie Nights«, in »25 Stunden«. Hätte er Hoffman nicht bekommen, wäre der Film wohl nicht gedreht worden, sagte Miller in einem Interview.
Für Hoffman selbst war die Capote-Rolle eine Herausforderung, denn Capote selbst stilisierte sich – seiner Zeit weit voraus – als schwule, intellektuelle Diva, stets pico bello gekleidet, mit wedelnden Händen und einer nervtötenden Fistelstimme, dabei ausgerüstet mit einem unbestechlichen Gedächtnis und ausgestattet mit einem Talent, andere Menschen für sich einzunehmen.
Das gelingt Capote sogar in Holcomb, Kansas, wo er im Spätherbst 1959 auftaucht, nachdem er in der »New York Times« von einem Vierfach-Mord gelesen hat. Sofort wird ihm klar: darüber muss er eine Geschichte schreiben. In Begleitung von Harper Lee (Catherine Keener), seiner Jugendfreundin und Muse, macht er sich auf in ein Amerika, in dem er wirkt wie ein Alien. Er sucht Kontakt zu Alvin Dewey (Chris Cooper), dem Chefermittler, einem nüchternen Skeptiker. Er gewährt dem Literatur-Star Einblicke in Akten gewährt.
Es dauert nicht lange, bis die Täter gefasst sind. Einem der beiden, Perry Smith (Clifton Collins jr.), begegnet er zum ersten Mal in der Küche des Sheriffs, wo er in einem Käfig gefangen gehalten wird. Capote ahnt: es ist, als seien sie beide gemeinsam aufgewachsen, nur habe der eine (Perry), das Haus durch die Hintertüre, der andere (Truman) durch die Vordertüre verlassen. Und er weiß: die Geschichte gibt mehr her, als einen Artikel im »New Yorker«. Alles will er in Erfahrung bringen über diese völlig sinnlos erscheinenden Bluttat.
So besticht er den Gefängnisdirektor, um ungehindert jederzeit Zugang zu den Häftlingen zu haben. Mit Perry insbesondere verbindet ihn eine dezent homoerotische Zuneigung. Er kümmert sich um ihn, bezahlt den beiden einen Anwalt, und tut dies doch auch aus Kalkül: noch immer weiß er zu wenig, vor allem keinen Grund.
Die Jahre verstreichen, im literarischen New York redet man über Capotes Buchprojekt »In Cold Blood«. Das Gerichtsverfahren zieht sich hin, und Capote verliert die Geduld (aber nicht die Fasson): »Wenn die beiden«, gesteht er Harper Lee, »das Berufungsverfahren gewinnen, drehe ich durch.« Denn damit bliebe den Tätern der Strang erspart – und Capotes Roman unvollendet. Waren ihm Perry und sein Kumpan Richard Hickock (Mark Pellegrino) zunächst lebend nützlich, wünscht er jetzt nichts sehnlicher als ihren baldigen Tod. Er entzieht ihnen seine Unterstützung, immer noch Betroffenheit heuchelnd.
Eines Tages ereilt ihn die Nachricht von der bevorstehenden Hinrichtung. Capote fährt hin, weiß nichts zu sagen. Die Hinrichtung der beiden Mörder wird zugleich das Ende des produktiven und originellen Schriftstellers Truman Capote besiegeln.
Truman Capote wird am 30. September 1924 in New Orleans geboren. Als die Ehe seiner Eltern zerbricht, schicken sie ihn im Alter von sechs Jahren zu Verwandten nach Alabama. Er freundet sich dort mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft an: Nelle Harper Lee. Sie wird später Schriftstellerin; in ihrem berühmten Roman »Wer die Nachtigall stört« ähnelt einer der Figuren dem jungen Capote auffallend.
1931 heiratet die Mutter in New York einen Kubaner namens Joseph Capote. Er adoptiert Truman später, der damit den Nachnamen seines Stiefvaters annimmt.
Bereits für seine erste – in der Frauenzeitschrift »Mademoiselle« veröffentlichten – Kurzgeschichte bekommt Capote 1946 den renommierten O. Henry Award zugesprochen. In der Folge erhält er einen Angebot von einem großen Verlag, wo 1948 sein erster Roman »Other Voices, Other Rooms« erscheint, ein autobiographisch eingefärbtes Buch, dessen Held – wie Capote – schwul ist. In Jack Dunphy, ebenfalls Schriftsteller, findet er seinen Lebenspartner. Einige Zeit leben beide in Sizilien.
Capote steigt schnell auf innerhalb des amerikanischen Jet Sets, wird begehrter Gast bei Partys. Er kann ebenso amüsant wie verletzend sein, gilt aber auf jeden Fall als äußert unterhaltsamer Paradiesvogel, nicht zuletzt, weil er sich – durchaus ungewöhnlich in dieser Zeit – offen zu seiner Homosexualität bekennt.
1951 erschient Capotes zweites Buch »The Grass Harp« (»Die Grasharfe«). Er adaptiert den Roman für den Broadway, schreibt Drehbücher unter anderem für Vittorio de Sica, verfasst Libretti für Musicals. Capote lernt Steptanz, beschäftigt sich mit Glasmalerei, veröffentlicht Reiseberichte und wird mehr und mehr zum literarischen Pop-Star. Seinen wachsenden Ruhm untermauert er mit »Breakfast at Tiffany’s« (»Frühstück bei Tiffany«), das Blake Edwards mit Audrey Hepburn in der Hauptrolle verfilmt.
Zur Sensation gerät 1965 Truman Capotes »In Cold Blood« (»Kaltblütig«). Der Roman über einen vierfachen Mord in Kansas begründet zugleich ein neues Genre, das des Tatsachenromans. Sechs Jahre recherchierte Capote den Fall. Dabei gelang es ihm, sowohl das Vertrauen der Ermittler wie das der Täter zu erwerben.
Während der Arbeit an »In Cold Blood« verstärkt sich Capotes Alkohol- und Tablettensucht. Seine literarische Produktivität lässt nach; Reden macht er vor allem von sich durch etliche Affären. Als 1975 in einer Zeitschrift das erste Kapitel von »Answered Prayer« erscheint, wird Capote aus den Zirkeln der oberen Zehntausend verstoßen: der »tiny terror«, wie man ihn nun nennt, hatte zu viele seiner Bekannten und Freunde bloßgestellt.
Ein großer Roman gelingt im zeitlebens nicht mehr. »Music for Chameleons« (1980), ein Erzählband, ist seine letzte Buchveröffentlichung. Capote stirbt am 25. August 1984 in Los Angeles.
Thomas Steinberg, 2006
Truman Capote schreibt seinen Roman »Kaltblütig«.
Capote (Capote)
Land: USA
Jahr: 2004
Regie: Bennett Miller
Buch: Dan Futterman nach der Vorlage von Gerald Clarke
Kamera: Adam Kimmel
Musik: Mychael Danna
Schnitt: Christopher Tellefsen
Darsteller: Philip Seymour Hoffman (Truman Capote), Catherine Keener (Harper Lee), Clifton Collins jr. (Perry Smith), Chris Cooper (Alvin Dewey), Bob Balaban (William Shawn), Bruce Greenwood (Jack Dunphy), Amy Ryan (Marie Dewey), Mark Pellegrino (Richard Hickock), Allie Mickelson (Laura Kinney), Adam Kimmel (Richard Avedon)
Produktion: Caroline Baron, Michael Ohoven, William Vince
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12