
Am Ende des Films steht die Antwort auf die zum Beginn gestellte Antwort weiterhin aus: Wer war´s? »Caché« ist ein Thriller, in dem auf wesentliche Elemente dieses Genres verzichtet wird: Regisseur Michael Haneke präsentiert keinen Täter und lässt kein Mitleid mit den Opfern aufkommen. Haneke hält den Zuschauer auf Distanz und zwingt ihn gleichzeitig, genau hinzuschauen, um selbst nach Erklärungen suchen zu können. Kein Soundtrack orchestriert die nahende Katastrophe, die, weil unerwartet, desto heftiger hereinbricht. Der Bruch mit der Konvention gelang Haneke so meisterhaft, dass er 2005 für »Caché« in Cannes die Goldene Palme zugesprochen bekam.
Zwei Stunden lang geschieht fast nichts. Im Video ist ein Haus zu sehen. Ab und zu gehen Menschen vorbei. Georges (Daniel Auteuil) und Anne Laurent (Juliette Binoche) fühlen sich ratlos und unbehaglich, denn das Video zeigt ausgerechnet das Haus, in dem sie hinter mit Büchern verstärkten Wänden das Leben Pariser Intellektueller führen: Wer hat das Video gedreht? Wer hat es ihnen zugeschickt? Vor allem: warum?
Während Anne als Lektorin in einem Verlag arbeitet, gehört Georges zu den Leuten, die man vom Bildschirm kennt. Als Moderator einer Literatursendung plaudert er mit seinen Gästen über Bücher und Autoren. Das Ganze gilt als anspruchsvolles Fernsehen, auch wenn Georges sorgfältig darauf achtet, die intellektuelle Tauchtiefe zu begrenzen: wird sein Gesprächspartner zu theoretisch, lässt er den Exkurs herausschneiden. Ganz Karrierist, weiß Georges, was zu tun ist, um sich die Aussicht auf bessere Sendeplätze oder mehr Sendezeit und damit mehr Geld zu erhalten.
Dem ersten Video folgen weitere Aufnahmen. Stets zeigen sie Orte, die etwas mit dem Leben Annes und vor allem mit dem Georges´ zu tun haben. Einen Sinn können beide, obgleich beruflich durchaus Interpreten auch verborgener Botschaften, den Videos nicht entnehmen. Dazu kommen die merkwürdigen Zeichnungen, in den die Videokassetten verpackt sind. Strichmännchen zeigen sie, denen Blut aus dem Mund zu spritzen scheint. Oder einen Hahn, dem der Kopf abgehackt ist.
Anne beschleicht das Gefühl, die Videos könnten etwas mit der Vergangenheit ihres Mannes zu tun haben. Der gibt sich ahnungslos, verweigert jede Auskunft. Mehr und mehr werden die Brüche in der ehelichen Konstruktion hinter der bürgerlichen Fassade offenbar. Der Umgangston im Hause Laurent wird gereizter, der Sohn zieht sich zurück.
»Caché« heißt »unsichtbar, verborgen, geheim«. Jahrzehntelang hat sich Frankreich bemüht, die eigene Kolonialgeschichte verborgen zu halten. Zu dieser Geschichte gehört das Massaker vom 17. Oktober 1961, das französische Polizisten und Soldaten bei einer Demonstration von 30000 algerischen Einwanderern anrichteten. Bis zu 200 Menschen starben, 14000 wurden festgenommen und in Stadien inhaftiert, Leichen trieben tagelang in der Seine – und nur eine einzige Zeitung berichtete. Noch 2001, 40 Jahre nach den Ereignis, gab es Proteste, als offiziell eine Gedenktafel enthüllt werden sollte.
Dieser 17. Oktober 1961 berührt auch Georges Leben, obwohl er zu dieser Zeit noch ein Junge ist. Seine Eltern entschließen sich, Majid aufzunehmen, einen Jungen aus dem Maghreb, dessen Eltern bei der Demonstration ums Leben kam. Georges betrachtet Majid als unliebsamen Konkurrenten und ersinnt einen perfiden Plan.
Die Rechnung geht auf. Statt ihn zu adoptieren, stecken Georges Eltern Majid in ein Waisenhaus.
Mehr als 40 Jahre später fasst Georges einen Verdacht: Urheber und Versender der Videos könnte Majid (Maurice Bénichou) sein. Er macht seinen Beinahe-Bruder in einer Sozialwohnung ausfindig. Stellt ihn zur Rede. Der bestreitet, etwas mit den Videos zu tun hat. Und tritt bald darauf einen schlüssigen Beweis an – der einmal mehr per Video dokumentiert wird.
Thomas Steinberg, 2006
Anonym zugeschickte Videos aus ihrem Alltag bringen das Leben eines Pariser Ehepaars durcheinander.
Caché
Land: Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien
Jahr: 2005
Genre: Drama
Regie und Buch: Michael Haneke
Kamera: Christian Berger
Schnitt: Nadine Muse, Michael Hudecek
Darsteller: Juliette Binoche (Anne Laurent), Daniel Auteuil (Georges Laurent), Annie Girardot (Georges Mutter), Maurice Bénichou (Majid), Lester Makedonsky (Pierrot Laurent), Bernard Le Coq (Chefredakteur), Walid Afkir (Majids Sohn), Daniel Duval (Pierre), Nathalie Richard (Mathilde)
Produktion: Veit Heiduschka, Valerio De Paolis, Michael Weber
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12