
In Israel, so vermittelt es das Fernsehen, stirbt man gewaltsam und öffentlich. Im Bus, im Einkaufszentrum, in der Gaststätte, überall, wo viele Menschen zusammenkommen und palästinensische Selbstmordattentäter ihre höllischen Sprengladungen zünden.
Dafna Ulmans Mann (Eitan Green) stirbt einen anderen Tod. Einen ebenso tragischen wie banalen. Der Stich einer Biene bringt ihn um und wirft die Hinterbliebenen völlig aus der Bahn.
*»Broken Wings«(»Knafayim Shvurot«)* , der erste lange Spielfilm des1969 in Haifa geborenen Regisseurs und Drehbuchautors Nir Bergman, könnte auf den ersten Blick als tragikomische, unpolitische Familiengeschichte durchgehen. Doch in Israel, so Bergman, einem Land, in dem alles von Politik durchtränkt sei, sehe man seinen Film anders als etwa in Europa.«Er ist ganz typisch für Israel, für diese Intensität des Lebens, immer nah an der Schwelle zum Tod. Und es gibt so viele dumme Tode jeden Tag in diesem Land.« (Bergman in der »Berliner Zeitung«).
Das macht sie nicht erträglicher. Dafna Ulman (Orly Silbersatz-Banay) flüchtet sich nach dem Ableben ihres Mannes häufig ins Bett und in die Bewusstlosigkeit des Schlafes. Völlig überfordert vom Verlust, von ihrer Arbeit als Hebamme und den Widrigkeiten des Alltags mit dem ewig kaputten Auto und einer Wohnung im Betonsilo, ist sie außerstande, sich um ihre vier Kinder zu kümmern.

Ihre Stelle nimmt nolens volens Maya (Maya Maron) ein, die 17-jährige Tochter. Unermüdlich kümmert sie sich, versucht, die auseinander driftende Familie zusammenzuhalten oder wenigstens einen halbwegs funktionierenden Alltag zu organisieren. Sie sorgt dafür, dass die Jüngste, Bahr (Eliana Magon), und ihr älterer Bruder Ido (Daniel Magon) Essen haben. Ihr Zwillingsbruder Yair (Nitai Gaviratz), ein intelligenter junger Mann, hat die Schule geschmissen und hat sich auf den Null-Bock-Trip begeben: Als Maus verkleidet verteilt er Flugblätter. Ihn versucht Maya zur Umkehr zu bewegen.
Ihr selbst bleibt immer weniger Zeit für das eigenes Leben. Die Band, in der sie singt, steht vor dem Durchbruch. Aber bei einem entscheidenden Auftritt ist es nicht Maya mit ihren aufgeschnallten schwarzen Flügeln, die auf der Bühne steht – sie folgt einmal mehr dem Hilferuf der Mutter.
Immer weiter entfernen sich die Ulmans voneinander. Und doch wissen sie – und sagen es auch: es könnte alles noch viel schlimmer sein, zumal in Israel. Bei allem seelischen Elend haben sich die Ulmans die Fähigkeit zu gelegentlicher Ironie und Witz bewahrt. Bergman bricht die Tragik seiner Films mit komischen Situationen und witzigen Dialogen, denn keinen düsteren Film wollte er drehen, sondern einen optimistischen.
Um die Familie aus ihrer Sprachlosigkeit zu reißen, bedarf es jedoch einer weiteren Katastrophe. Als Maya sich einmal gestattet, anders als üblich nicht zuerst an die anderen zu denken, verunglückt Ido bei einer seiner absurden Mutproben in einem leeren Schwimmbecken. Über die Sorge um den Jungen finden die Ulmans wieder zueinander.

Bergmans hat mit seinem autobiographisch eingefärbten Film offenbar den Nerv des israelischen Publikums getroffen. »Broken Wings« fand mehr als 250000 Zuschauer (in einem Land mit lediglich 6,3 Millionen Einwohnern) und wurde damit die erfolgreichste einheimische Produktion des Jahres 2002, heimste gleich neun Preise beim israelischen »Academy Award« ein, wurde zum besten Film des Jerusalem Film Festivals gekürt. Und auch im Ausland kam Bergmans Film an: sowohl in Tokyo als auch in Berlin holte »Broken Wings« Preise.
Thomas Steinberg, 2004
Nach dem Unfalltod des Vaters droht eine israelische Familie auseinanderzubrechen. Nur müham finden die Mutter und die Kinder wieder zueinander.
Broken Wings (Knafayim Shvurot)
Land: Israel
Jahr: 2002
Buch und Regie: Nir Bergman
Kamera: Valentin Belonogov
Musik: Avi Belleli
Schnitt: Einat Glaser-Zarhin
Darsteller: Orly Silbersatz-Banay (Dafna Ulman), Maya Ulman (Maya Maron), Nitai Gaviratz (Yair Ulman), Vladimir Friedman (Dr. Valentin Goldman), Dana Ivgi (Iris), Danny Niv (Yoram), Daniel Magon (Ido Ulma), Eliana Magon (Bahr Ulman) u.a.
Produzent: Yoav Roeh
Länge: 87 Minuten
Format: Farbe
Sprachversion: deutsch
FSK: o.A.