
Der Brillenerfinder (Lou Reed) will weg. Weg aus New York. Wie eigentlich jeder, der in New York lebt. Seine Flucht zieht sich nun schon über 35 Jahre hin und hat ihn noch nicht sehr weit gebracht. Im übrigen, meint er, New York sei kein Ort, in dem er Angst verspüre. Anders als etwa Schweden, wo alles leer sei und alles funktioniere. Also bleibt er New Yorker.
Die Brooklyn Cigar Company ist ein Treffpunkt für viele: Hier gibt es Zigaretten, Zeitungen, Süßigkeiten. Und vor allem stets Gelegenheit zu einem Schwatz mit Auggie (Harvey Keitel), dem Mann hinterm Tresen, und den anderen Kunden. In der Brooklyn Cigar Company spendet der geistig behinderte Jimmy (Jared Harris) Trost, wenn er nicht gerade den Laden ausfegt. Und ein Rapper (Malik Yoba) vertickt für ein paar Dollar echte Rolex-Uhren oder Kuba-Zigarren.
Brooklyn ist eine eigene Welt in New York: hier leben Menschen aus Dutzenden Nationen, hier gibt es eine Unmenge Schlaglöcher und eine hohe Kriminalitätsrate. Und es gibt den Prospect Park, der gegenüber die Brooklyn Cigar Company liegt.
»Blue in the Face« von Wayne Wang und Paul Auster, einem der wichtigsten amerikansichen Autoren (»New York Trilogie«, »Leviathan«, »Buch der Illusionen«) ist nicht weniger als eine Liebeserklärung an Brooklyn und an New York. Kein großer Film, eher eine Skizze, die ihren Charme aus dem Improvisationstalent der Schauspieler bezieht, 1994 gedreht in lediglich fünf Tagen als eine Art Fortsetzung von »Smoke«.

Zu dieser Zeit kann Jim Jarmusch, Regisseur eigenwilliger Filme (»Dead Man«, »Down by Law«, »Stranger than Paradise«), als Bob noch über Kalifornien lästern, wo überall das Rauchen verboten ist. Dabei sollte ihm das inzwischen egal sein, denn er ist zu Auggie in den Laden gekommen, um hier seine letzte Zigarette zu rauchen: »Die Zigarette danach werde ich vermissen. Vielleicht werde ich keinen Sex mehr haben.«
Und Auggie vielleicht demnächst keinen Job mehr. Denn Ladeninhaber Vincent (Victor Argo) will die Brooklyn Cigar Company schließen: der Laden macht Verlust und ein Nachmieter, ein Geschäft für Biokost, hat sich bereits gefunden. Auggie redet Vincent ins Gewissen. Der Laden sei unverzichtbar für viele. Wenn Vincent ihn schließe, dann sei er verantwortlich den weiteren Niedergang des Stadtteils, der mit dem Verkauf der Dodgers an die Ostküste begann, jenem legendären, wenngleich nicht sonderlich erfolgreichem Baseball-Team.
Für Auggie Wren sind es chaotische Tage, die er in seinem ansonsten eher beschaulichen Verkäufer-Dasein durchmachen muss. Mit Violetta (Mel Gorham), seiner Freundin, hat er sich Ärger eingehandelt, weil er am Wochenende statt mit ihr auszugehen lieber beim Ausräumen einer Wohnung helfen will. Und Dot (Roseanne), Frau seines Chefs, setzt ihn unter Druck.
Den Knoten aufzulösen vermag erst eine Reise nach Las Vegas. Es bleibt Madonna überlassen, die gute Nachricht als singendes Telegramm zu überbringen.
Thomas Steinberg, 2005
Ein Tabakladen in Brooklyn als Treffpunkt für merkwürdige Typen.
Blue in the Face (Blue in the Face)
Land: USA
Jahr: 1994
Genre: Komödie
Regie und Buch: Wayne Wang, Paul Auster
Kamera: Adam Holender
Musik: John Lurie
Schnitt: Christopher Tellefsen
Darsteller: Harvey Keitel (Auggie Wren), Lou Reed (Mann mit Brille), Mel Gorham (Violet), Victor Argo (Vinnie), José Zuniga (Jerry), Giancarlo Esposito (Tommy), Jim Jarmusch (Bob), Lily Tomlin (Waffelesserin), Michael J. Fox (Pete), Malik Yoba (Rapper), José Zúñiga (Jerry), Stephen Gevedon (Dennis), John Lurie (Saxophonist), Madonna (singendes Telegramm)
Produzenten: Greg Johnson, Peter Newman, Diana Phillips, Hisami Kuroiwa
Format: Farbe, 1:1,85
FSK: ab 12
Länge: 85 Minuten