
Ein Toter mehr oder weniger? Als wenn es darauf ankäme. »Das einzige, woran es China nicht fehlt, sind Menschen«, bemerkt der Minenbesitzer. So ist steter Nachschub garantiert: Abertausende Wanderarbeiter sind in der chinesischen Provinz unterwegs auf der Suche nach einem Job. Eine Tatsache, aus der Jimming (Li Yixiang) und Shuangbao (Tang Zhaoyang) Kapital zu schlagen verstehen.
»Bei einem Grubenunglück in der chinesischen Provinz…« Meldungen dieser Art gehören seit Jahren zum festen Repertoire internationaler Nachrichtenagenturen. Selbst die offizielle Tageszeitung »China Daily« kommt nicht umhin festzustellen, dass Bergarbeiter der mörderischste Beruf in China sei. 4153 Menschen, erklärt die amtliche Statistik, hätten allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2004 ihr Leben untertage lassen müssen. Schätzungen gehen von rund 7000 tödlichen Unfällen pro Jahr aus. Denn nicht jedes Unglück in einer der weit über 20000 Gruben des Landes wird jemals bekannt.
Li Yang debütiert mit »Blinder Schacht« als Spielfilmregisseur. In China geboren und aufgewachsen, arbeitet er zunächst in seiner Heimat als Schauspieler, bevor er nach Deutschland geht, um Germanistik und Regie zu studieren. Drei Dok-Filme dreht er – sie alle beschäftigen sich mit deutschen Themen. »Blinder Schacht« dagegen entsteht in China. Er habe das Gefühl gehabt, so Li in einem Interview, sich schneller in ein chinesisches Thema einarbeiten zu können und als im Ausland lebender Filmemacher eine gewisse Distanz wahren zu können. Noch ohne Idee für ein Drehbuch reist Li im Jahre 2000 in die Heimat, wo ihm ein Freund den Roman »Blinder Schacht« von Liu Qingbang empfiehlt. Li liest, ist gepackt, recherchiert, knüpft Kontakte, besichtigt Bergwerke. Die Dreharbeiten erfolgen teilweise mit versteckter Kamera und ohne Genehmigung. »Blinder Schacht« wird so zu einem Kriminalfilm, der zugleich Lis Handschrift als Dok-Filmer erkennen lässt. In China wird der Film verboten, bei der Berlinale erhält er einen »Silbernen Bären«.
Jimming und Shoungbao Geschäftsmodell basiert auf Mord und Erpressung. Der Kollege, vorgeblich Bruder Shuangbaos, wird in den Tiefen des Berges erschlagen, der Stollen zum Einsturz gebracht. Vom Grubenbesitzer verlangen sie Geld, damit sie im Falle eines Falles vor den Behörden bezeugen würden, dass Fehlverhalten des Kumpels und nicht mangelnde Sicherheit zum Unglück geführt habe. Der Minenbetreiber rechnet nach, das Ergebnis ist eindeutig: die beiden zu bezahlen kostet weniger, als sie umbringen zu lassen. Jimming und Shuangbao kassieren, entsorgen die Asche ihres Opfers in einer Toilette und feiern im Bordell.
Als nächstes Opfer wird Fengming auserkoren. Der Junge ist gerade 16 Jahre und zum Ernährer der Familie geworden – sein Vater verunglückte in einem Schacht. Für das das Angebot, ein gutes Wort beim Minenbesitzer einzulegen, ist er den beiden Männern dankbar. Nichts braucht Fengming dringender als eine Job.
Nach und nach kommen Jimming jedoch Bedenken, ob Fengming ein geeignetes Opfer sei. Er sein noch so jung. Shuangbao will davon nichts hören und beharrt darauf, den Plan auszuführen.
Am Ende von »Blinder Schacht« steht eine überraschende Wendung. Und eine Rauchsäule über dem Krematorium.
Thomas Steinberg, 2006
Zwei Wanderarbeiter versuchen aus den mörderischen Arbeitsbedingungen in Chinas Kohlegruben Kapital zu schlagen.
Blinder Schacht (Mang Jing)
Land: Hongkong, China, Deutschland
Jahr: 2003
Regie und Buch: Li Yang nach einem Roman von Liu Qingbang
Kamera: Liu Yonghong
Schnitt: Li Yang, Karl Riedl
Musik: Zhang Yadong
Darsteller: Li Yixiang (Song Jimming), Wang Shuangbao (Tang Zhaoyang), Wang Baoqiang (Yuan Fengming), An Jing (Xiao Hong), Bao Zhenjiang (Chef Huang), Sun Wei (Tang Zhaoxia), Wang Yining (Mamasan) u.a.
Produktion: Li Yang
Länge: 92 Minuten
FSK: o.A.