
Nun ist er wieder er selbst und unterwegs: von Montreux geht es nach München, Liège steht danach an, gefolgt von Amsterdam und Dresden. Manchmal folgen die Auftritte unmittelbar aufeinander, mehr als eine Woche liegt eigentlich nie zwischen den Terminen. Paul Kalkbrenner, kein Zweifel, ist gefragt, auch mit seinem neusten Album, dem Soundtrack zu »Berlin Calling«.
Kalbrenner, Anfang 30, tourt seit 15 Jahren als Techno-DJ durch die Clubs der Welt, wobei in seinem Fall wohl eher die Bezeichnung Techno-Live-Musiker angebracht wäre, denn er legt keine Platten auf sondern spielt live mit und auf Synthesizern, Sequenzern und allerlei anderem digitalen Gerätschaften.
Ursprünglich wollte Hannes Stöhr Kalkbrenner lediglich als Berater für seinen geplanten Film über einen Techno-DJ engagieren. Die beiden kannten sich, der Filmmacher schätzte Kalkbrenners Musik, der wiederum mochte Stöhrs Film »Berlin is in Germany«, in der er die Geschichte eines Mannes erzählt, der wegen Totschlages noch in der DDR verurteilt im seit zehn Jahren wiedervereinigten Deutschland entlassen wird. Nach und nach wolle Stöhr mehr. Kalkbrenner möge doch die Musik zum Film schreiben. Und schließlich: er solle die Hauptrolle übernehmen.
So wird aus Kalkbrenner Martin Karow, der als DJ Ickarus das Techno-Volk bespaßt. Sobald die Musik verklungen ist, stürzt Ickarus ab: er verwandelt sich in ein träges Etwas, dass sich vor allem von Drogen jedweder Art zu ernähren scheint. Ein Drogentrip bringt ihn schließlich in die Psychiatrie – die Ärztin diagnostiziert eine drogeninduzierte Schizophrenie.
Innerhalb kürzester Zeit löst sich Karows Umfeld auf: seine Freundin verlässt ihn, seine Produzentin streicht die geplante Veröffentlichung des neuen Albums. Ickarus versucht in der Anstalt sein Position zu bestimmen: er komponiert, organisiert eine wilde Party und wird dafür isoliert und sediert.
Das alles mag sich tragisch anhören und vor allem moralinsauer, doch »Berlin Calling« ist weder das eine noch das andere, sondern ein Film, in dem immer wieder schräger Humor aufblitzt. Und, bemerkte eine Zeitung, »Berlin Calling« habe das Potential jene Leute mit Techno zu versöhnen, die bislang überhaupt nichts mit dieser Art von Musik anfangen konnten.
Thomas Steinberg, 2009
Ein erfolgreicher Berliner DJ stürzt nach einem Drogenexzess ab und findet sich in der Psychiatrie wieder.
Berlin Calling
Land: Deutschland
Jahr: 2008
Genre: Drama
Regie und Buch: Hannes Stöhr
Kamera: Andreas Doub
Musik: Paul Kalkbrenner
Schnitt: Anne Fabini
Darsteller: Paul Kalkbrenner (Ickarus), Rita Lengyel (Mathilde), Corinna Harfouch (Prof. Dr. Petra Paul), Araba Walton (Corinna), Peter Schneider (Crystal Pete), RP Kahl (Erbse), Henriette Müller (Jenny), Udo Kroschwald (Vater), Megan Gay (Labelchefin Alice), Maximilian Mauff (Zivi Alex)
Produktion: Karsten Aurich, Hannes Stöhr
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 12
FBW: wertvoll