
Viele Kritiker liebten ihn überschwänglich und seine riesigen Bilder, die Kunsthändler hofierten ihn: Julian Schnabel, 1951 geboren, galt in den 80er Jahren als der Mann, dem zugetraut wurde, eine für tot erklärte Kunst mit seinen »Tellerbilder« zu reanimieren: die Malerei. Schnabel galt als Star – und erlebte als solcher einen jähen Absturz, wurde so heftig geschmäht wie zuvor gepriesen, galt die Vielfalt seiner Ausdrucksmittel als Stillosigkeit.
Schnabel jedoch war zu groß, um jemals völlig in der Versenkung zu verschwinden. Er malte weiter und überraschte 1996 das Publikum mit einem Spielfilm: »Basquiat« schildert das kurze Leben des Sprayers Jean-Michel Basquiat, der an seinem Aufstieg zum vielbeachteten Künstler zerbricht.

Vier Jahre später kam mit »Before Night Falls« ein neuer Schnabel-Film in die (amerikanischen) Kinos (und dann dauerte es noch einmal vier Jahre, bis der engagierte Arsenal-Verleih den Film in die deutschen Programmkinos brachte). Schnabel war wieder da, und seine Malerei plötzlich wieder interessant.
»Before Night Falls« ist einmal mehr eine Künstlerbiographie, dieses Mal dem Schriftsteller Reinaldo Arenas (Javier Bardem), einem Kubaner, gewidmet.
Neben der Arenas-Autobiographie »Antes que anochezca«, von welcher der Film den Titel entlieh, nutzte Schnabel die Erzählungen »El mundo alucinante« und »El palacio de las blanquísimas mofetas« als Quellen. Zudem steuerte der Freund und Erbe des Autors, Lázaro Gómez Carriles, seine Erinnerungen bei, um das Bild zu komplettieren: Eines Jugendlichen, der angeödet vom Landleben, von der Revolution begeistert war. Eines Schriftsteller, der mit 24 sein erstes Buch veröffentlichte (»Celestino antes del alba«) und sein zweites bereits außer Landes schmuggeln musste. Eines Schwulen, der im Havanna der 60er Jahre all seine Lüste auslebte (angeblich soll er mit 5000 Männern Sex gehabt haben, was Schnabel jedoch in seinem Film allerdings weitgehend ausblendet). Eines jungen Mannes, der sehr schnell merkte, wie eng die Grenzen gesetzt waren im nachrevolutionären Kuba, wo ein hedonistischer Freigeist nur allzu schnell suspekt erscheinen musste, Schwule als abartig betrachtet und mit Kriminellen gleichgesetzt wurden.
Die offensive Homosexualität wurde für Arenas ebenso Ausdruck des Widerstandes wie die Schriftstellerei. Für zwei Jahre verschwand Arenas im Gefängnis – man warf ihm Kindesmissbrauch ebenso vor wie konterrevolutionäre Aktivitäten. Nach seiner Entlassung wurde Kuba ihm zum Unort, und wie zehntausende Landsleute verließ er das Land 1980 über den Hafen Muriel, als Castro für kurze Zeit die Ausreise straffrei stellte – für Kriminelle, Homosexuelle und Geisteskranke.

New York empfing ihn gleichgültig, sogar ablehnend als einen unter vielen Flüchtlingen. Die Freiheit führte in die Einsamkeit, in Armut sogar, doch Arenas arbeitete, schrieb weiter, unermüdlich, selbst dann, als die AIDS-Erkrankung ihn aufzuzehren begann. Als Arenas 1990, gerade 47-jährig, sein Leben beendet, betrachtete er seine Mission als erfüllt. 20 Bücher hatte er geschrieben.
Schnabels Film ist auch ein politischer, wenngleich seine Kuba-Kritik einerseits verhalten bleibt, andererseits die Form der (militärischen) Repression überhöht wird: »Diese Dinge«, erinnert Schnabel, »kommen nicht nur in Kuba vor, sondern auch in Chile, Brasilien, in ganz Lateinamerika. Sie kommen auch in den Vereinigten Staaten vor.« Vor allem jedoch ist Schnabels Film das Porträt eines Menschen, der in all seiner Zerrissenheit stets bei sich war.
Thomas Steinberg, 2004
In seinem zweiten Film zeichnet der Maler Julian Schnabel das Porträt des bedeutenden kubanischen Schriftstellers Reinaldo Arenas’.
Before Night Falls
Land: USA
Jahr: 2000
Regie: Julian Schnabel
Buch: Cunningham O‹Keefe, Lázaro Gómez Carriles, Julian Schnabel nach der Autobiographie Reinaldo Arenas‹
Kamera: Xavier Pérez Grobet, Guillermo Rosas
Musik: Carter Burwell, Laurie Anderson, Lou Reed
Darsteller: Javier Bardem (Reinaldo Arenas), Olivier Martinez (Lázaro Gómez Carilles), Andrea di Stefano (Pepe Malas), Johnny Depp (Bon-Bon/Lieutenant Victor), Sean Penn (Cuco Sanchez), Michael Wincott (Herberto Zorilla Ochoa), Pedro Armendáriz jr. (Reinaldos Großvater), Hector Babenco (Virgilio Pinera), Jerzy Skolimowski (Professor), Olatz Lopez Garmendia (Reinaldos Mutter), Giovanni Florido (junger Reinaldo)
Schnitt: Michael Berenbaum
Produzent: Jon Kilik
Länge: 133 Minuten
Sprachversion: O.m,U.
Format: Farbe