
An diesem Film war vieles falsch und wenig so, wie es das Lehrbuch wollte. Wie hätte es auch anders sein könne, da doch sein Macher nie Regie studiert hatte. Er konnte einige Kurzfilme vorweisen, etliche Filmkritiken hatte er zudem verfasst. Alles in allem war er vor allem ein Theoretiker.
»Außer Atem« wurde trotzdem ein Erfolg, unter kommerziellen Gesichtspunkten sogar der einzige, den Jean-Luc Godard verbuchen konnte. Und rückblickend betrachtet sollte »Außer Atem« einer der Filme werden, die dem Kino neue Dimensionen verliehen. Die Verstöße gegen die zum Ausgang der 50er Jahre herrschenden Filmkonventionen – sie sind längst etablierte Techniken von Film- und Videoregisseuren. Setzte Godard damals Jumps Cuts – schnelle Sprünge in der Handlung – ein, war »Außer Atem« selbst so etwas wie ein filmgeschichtlicher Jump Cut.
Die Geschichte für »Außer Atem« lieferte Godards Geistesverwandter François Truffaut. Beide bewunderten den amerikanischen Film noir, die düsteren Gegenstücke zu Hollywood aus den 40er und 50er Jahren. »Außer Atem« ist eine Art ironische Hommage an diesen Film noir, wie in den meisten von diesen ereignet sich auch in »Außer Atem« ein Mord.
Den begeht Michel (Jean-Paul Belmondo), als er mit seinem Auto zu schnell von Marseille nach Paris unterwegs ist und von einer Motorradstreife gestoppt wird. Um ihr zu entkommen, zieht er die Waffe und rast dann weiter nach Paris.
Michel, eigentlich ein Kleinganove, hat sich die coolen Attitüden eines Humphrey Bogart zu eigen gemacht, gibt stets vor, den Überblick zu besitzen und verzettelt sich immer mehr. Auch in seiner Beziehung zu Patricia (Jean Seberg), eine in Paris studierende Amerikanerin. Nach Rom will Michel mit ihr fliehen und versucht, das notwendige Geld aufzutreiben, während die Ermittler ihm längst auf der Spur sind. Patricia ist unentschieden, und als sie sich entscheidet, hat Michel für sie nur einen Satz übrig: »Du bist zum Kotzen.«
Was »Außer Atem« so heraushebt aus den Filmen seiner Zeit, ist eine völlig neue Rolle des Regisseurs: Nicht mehr der Drehbuchautor sollte in erster Linie den Film prägen, sondern der Regisseur in Zusammenarbeit mit den Schauspielern. Das eröffnete völlig neue Freiheiten: es wurde improvisiert – und es wurde auf der Straße und in Wohnungen, Geschäften und öffentlichen Gebäuden gedreht, ohne (ein neues Filmmaterial machte es möglich) eigens Beleuchtung aufzubauen. Kameramann Raoul Coutard arbeitete ohne Stativ.
Vor allem jedoch sorgte die Montage für Furore. Was vor Godard absurd angemutet hätte – es erwies sich als tauglich: ein Gespräch nicht mehr mit Schuss/Gegenschuss zu bebildern, sondern immer nur den jeweils Zuhörenden zu zeigen. Berühmt wurde vor allem eine Szene in einem Raum, dessen Einrichtung von einem Bett dominiert wird. Dass Michel hier immer wieder im Wechsel am Fenster steht oder im Bett liegt, während der Dialog weiterläuft, dass er einmal ein Hemd trägt, dann wieder keines – man könnte es manchmal fast übersehen, so organisch fügen sich die Jump Cuts in die Handlung ein, treiben sie voran.
Dabei sind gerade diese aus der Verlegenheit entstanden, den bereits fertigen Film deutlich kürzen zu müssen: Godard schnitt heraus, was nicht unbedingt notwendig erschien und ging dabei nicht zimperlich um.
Thomas Steinberg, 2008
Ein Kleinganove erschießt einen Polizisten und will seine Freundin zur Flucht nach Rom bewegen. Die jedoch hat ihre eigenen Vorstellungen.
Außer Atem (À bout de souffle)
Land: Frankreich
Jahr: 1960
Genre: Film noir
Regie: Jean-Luc Godard
Buch: François Truffaut
Kamera: Raoul Coutard
Musik: Martial Solal
Schnitt: Cécile de Cougis
Darsteller: Jean-Paul Belmondo (Michel Poiccard), Jean Seberg (Patricia Franchini), Van Doude (Journalist), Liliane David (Liliane), Claude Mansart (Gebrauchtwagenhändler), Henri-Jacques Huet (Antonio Berruti)
Produktion: Georges de Beauregard
FSK: ab 16
Länge: 88 Minuten