
Lenin lebt. Mao ebenso. Aber beide haben sich verändert: Sie sind Punks und lesbisch, leben in Buenos Aires, klauen ein Moped, verticken es, gehen Flipper spielen. Marcia verkauft Dessous. Die Arbeit ist ebenso öde wie Marcias Leben überhaupt: ein bisschen Gymnastik gehört dazu, zu Hause allein fernsehen. Regelmäßig ruft sie den Ex an, der längst mit einer anderen verheiratet ist.
Diego Lerman, 1976 geboren, zählt zur neuen Generation argentinischer Regisseure. Mit »Aus heiterem Himmel« (»Tan de repente«) brachte er 2002 seinen ersten großen Film in die Kinos und Lenin, Mao und Marcia zusammen.
Marcia (Tatiana Saphir) wehrt sich zunächst gegen die Vereinnahmungen. Denn Mao (Carla Crespo) macht sie, das etwas träge und dickliche Mädchen, rundheraus an: Willst du vögeln? Das »Nein« Marcias vermag Maos und Lenins Elan nicht zu bremsen: Lenin (Verónica Hassan) bedroht Marcia mit einem Messer, die, jeden Widerstand aufgebend, den beiden folgt. In einem gekaperten Taxi bricht das Trio auf zum Meer, das Marcia nie zuvor gesehen hat.
»Aus heiterem Himmel« ist ein melancholischer Streifen in Schwarz/Weiß, der auf dramatische Effekte verzichtet, unbehauen daherkommt, sich nicht aufdrängt und doch mit all seiner Sprödigkeit den Zuschauer gefangen nimmt. Darin ähnelt er »La ciénaga« von Lucrecia Martel, der bereits im Kiez zu sehen war, das macht ihn zu einem Film des neuen argentinischen Kinos, das bewahrt ihn davor, ins standardisierte Melodram abzukippen, obwohl letztlich ein bekanntes Thema variiert wird: die (Nicht-)Erfüllung ureigener Wünsche.
Von Erfüllung sind Lenin und Mao ebenso weit entfernt wie Marcia, als sie sich auf den Weg an die Küste machen. Dort finden sie Unterschlupf bei einer Tante Lenins (Beatriz Thibaudín). Im Leben dieser Tante geschieht wenig: Rauchen und Trinken sind die wichtigsten Beschäftigungen in einem Leben, das nur das Heute kennt.
Das Haus der Tante wird indes für die Gäste zu einem Ort, an dem Sehnsüchte sich wenigstens vorübergehend erfüllen und befriedigt werden, um sogleich von neuem Wünschen und Sehnsüchten abgelöst zu werden. Mao schläft mit Marcia, irritiert den schüchternen Felipe, einen Untermieter der Großtante und stichelt, weil eine weitere Bewohnerin des Hauses und Marcia sich gut verstehen. Lenin sieht sich mit der Vergangenheit konfrontiert, dem Streit mit ihrer Mutter, der zum Bruch führte.
Wer ein Happy End erwartet, wartet bei »Aus heiterem Himmel« vergeblich. Der Film endet nach dem Tod der Tante im Ungewissen: Lenin und Marcia fahren zurück in die Hauptstadt. Vom Bus aus fällt der Kamerablick auf die Leitlinie der Straße. Verfolgt sie lange Zeit, bis das Bild abgeblendet wird. Was Lerman seinen Helden gönnt, sind lediglich vorübergehende Fluchten aus der endlosen Einsamkeit. Und das ist in Argentinien 2002, als das Land wirtschaftlich am Abgrund steht, schon eine ganze Menge.
Thomas Steinberg, 2003
Ganz unbehauen kommt Diego Lermans erster Spielfilm daher: »Aus heiterem Himmel« ist ein melancholisches road movie aus Argentinien, einem Land in der Krise.
Aus heiterem Himmel (Tan de repente)
Land: Argentinien
Jahr: 2002
Regie: Diego Lerman
Buch: Diego Lerman, Maria Maira
Kamera: Norman Cohn
Musik: Juan Ignacio Bouscayrol, Murciélago
Schnitt: Alberto Ponce, Benjamin Avila
Darsteller: Tatiana Saphir (Marcia), Carla Crespo (Mao), Veronica Hassan (Lenin), Beatriz Thibaudin (Blanca), María Merlino (Delia), Marcos Ferrante (Felipe), Ana María Martínez (Ramona)
Produktion: Nicolás Martinez Zemborain, Lita Stantic, Diego Lerman, Sebastián Ariel
Länge: 90 Minuten
Sprachversion: OmU
FSK: o.A.