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Ararat

Szene aus 'Ararat': Im Filmstudio.
Charles Aznavour als Regisseur und Arsinée Khanjian als Ani in »Ararat«.

»An diesem Punkt muss auch darauf hingewiesen werden, dass bei dieser Umsiedlung nicht – so wie die Armenier häufig zur Sprache bringen – 1,5 Millionen Armenier ums Leben gekommen sind. (...) Also kann der Gesamtverlust während dieser Umsiedlungsaktion mit 9000 bis 10000 Personen festgelegt werden. Auch diese wurden nicht von den Türken getötet.« (Website des Kulturministerium der Republik Türkei)

Szene aus 'Ararat': Straßenszene in einer armenischen Stadt.
Der Völkermord als Monumentalfilm.

Niemand hätte dies Atom Egoyan zugetraut. Dass ausgerechnet er, den ein Kritiker als einen der wenigen Autorenfilmer Nordamerikas bezeichnete, dass ausgerechnet dieser Mann, dessen Filme immer wieder mit Konventionen brechen wollten, ein veritables Drama à la Hollywood auf die Leinwand bringt. In »Ararat« sind sie alle da, jene Zutaten des Monumentalfilms: Menschenmassen, klar gezeichnete Charaktere, grandiose Landschaftsaufnahmen, Gefühl, Gewalt, Blut.

Die Leugnung

So nur und nicht anders könne berichtet werden von einem Verbrechen, das 1915 begangen und erst 70 Jahre später von der UNO als Völkermord bezeichnet wurde, glaubt Edward Saroyan: in großen Bildern. Saroyan, 80-jähriger Regisseur und verkörpert von Charles Aznavour, selbst armenischer Abstammung, dreht in Egoyans Film »Ararat« einen Film mit dem Titel »Ararat«, in dessen Mittelpunkt mit dem Maler Arshile Gorky eine authentische Figur steht.

»Das Problem eines jeden Films, der sich mit dem armenischen Thema beschäftigt, ist, dass er sich mit so vielen Themen beschäftigen muss«, schrieb Egoyan über »Ararat«. Und, nicht das, was damals in der Türkei geschah sei das eigentlich dramatische, als vielmehr die Leugnung des Geschehenen.

Die Annäherung an das Thema Völkermord an den Armeniern wird bei Egoyan zur generationsübergreifenden Aufgabe. Der alte Saroyan setzt auf die Macht der Bilder, ist überzeugt, die Menschen nur zu erreichen, wenn er sie zu Tränen rühren kann. Von ihm als Beraterin engagiert, vermag die Kunstwissenschaftlerin Ani (Arsinée Khanjian), eine Generation jünger, jeden Aspekt von Leben und Werk des Lebens Arshile Gorky zu analysieren, der nach seiner Flucht in die USA seine armenische Identität abgelegt hatte und sich später umbrachte. So beredt sie von diesem Menschen zu berichten weiß, so verschwiegen wird sie, wenn es darum geht, ihrem Sohn Raffi (David Alpay) zu erklären, warum dessen Vater ermordet wurde. Für Kameraassistent Raffi ist der Genozid ein Ereignis, von dem er zwar gehört hat, letztlich aber nichts weiß. Sein während der Dreharbeiten erwachter Wunsch, mehr über die Vergangenheit seines Volkes zu erfahren, führt ihn schließlich nach Armenien.

Wege der Erkenntnis

Egoyans Protagonisten schlagen ganz unterschiedliche Wege ein, sich ihrer Geschichte zu nähern. Und der Regisseur lässt sie alle gleichermaßen gelten, mag das Ergebnis auch ein Rührstück sein wie Saroyans Film. Immerhin wagt er es als erster Spielfilmregisseur, sich des Genozids an den Armeniern anzunehmen. (Tatsächlich hatte das Thema schon in »America, America« eine Rolle gespielt, wenngleich keine zentrale.)

Es hat nicht gefehlt an Versuchen, das Unbeschreibliche mit künstlerischen Mitteln zu beschreiben. Der wohl bis heute wichtigste: Franz Werfels großer Roman »Die vierzig Tage des Musa Dagh«. Die MGM-Studios zeigten Interesse an einer Verfilmung, als erst der türkische Botschafter bei der US-Regierung intervenierte und die sich schließlich der Sache annahm. Hollywood ließ die Pläne fallen, zumal die Türkei drohte, künftig keine MGM-Produktionen mehr ins Land zu lassen.

Jahrzehnte später sorgt »Ararat« in der Türkei für wütende Reaktionen. Offiziell wird der Film zwar nicht verboten und läuft zunächst in einigen Kinos an, obwohl der Kultusminister sich angewidert zeigt von der »Propaganda«. Dass »Ararat« nicht den offiziellen türkischen Glaubensgrundsatz unterhöhlen kann, wonach es niemals einen Völkermord an den Armeniern gegeben hat, dafür sorgen die rechtsradikalen Grauen Wölfe. Sie verlangen, dass »Ararat« vom Verleiher zurückgezogen wird. Man meine es ernst. Eine Drohung, die in der Türkei auch im Jahr 2004 noch verstanden wird.

Thomas Steinberg, 2004

Kurz und knapp

Ein Regisseur, eine Kunstwissenschaftlerin und ihr Sohn. Drei Personen nehmen in Atom Egoyans »Ararat« unterschiedliche Wege, um sich mit dem Völkermord an den Armeniern auseinanderzusetzen.

Daten und Personen

Ararat
Land: Kanada, Frankreich
Jahr: 2002
Buch und Regie: Atom Egoyan
Kamera: Paul Sarossy
Musik: Mychael Danna
Schnitt: Susan Shipton
Darsteller: David Alpay (Raffi), Charles Aznavour (Edward Saroyan), Arsinée Khanjian (Ani), Christopher Plummer (David), Marie-Josée Croze (Celia), Eric Bogosian (Rouben), Brent Carver (Philip), Bruce Greenwood (Martin/Ussher), Elias Koteas (Ali/Jevdet Bey), Simon Abkarian (Arshile Gorky), Lousnak (Shushan Gorky), Raoul Bhaneja (Fotograf), Max Morrow (Tony), Christie MacFadyen (Janet), Haig Sarkissian (Sevan), Garen Boyajian (Gorky als Kind), Lousnak Abdalian (Gorkys Mutter)
Produzenten: Atom Egoyan, Robert Lantos, Sandra Cunningham
Länge: 115 Minuten
Format: Farbe
Sprachversion: O.m.U.
FSK: o.A.

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