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Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte

Szene aus Die Anwälte
Hans-Christian Ströbele: Nicht nur im Zweifelsfalle links.

Die Politik führte sie noch einmal zusammen, als schon keiner mehr von dem anderen etwas wissen wollte. Es war immer die Politik, die sie verband, die sie trennte, den Schily, den Ströbele und den Mahler, allesamt Anwälte. Damals, im Jahr 2002, vertrat Horst Mahler die NPD, deren Verbot Innenminister Otto Schily beim Bundesverfassungsgericht durchsetzen sollte, während der Grüne Hans-Christian Ströbele als Beobachter der Bundestages das Scheitern des Verfahrens erlebte.

Es sind drei Männer, geboren zwischen 1932 und 1937, die in beinahe prototypisch eine Phase in der Geschichte der Bundesrepublik verkörpern, in deren Folge sich das Land nicht weniger veränderte, als 30, 35 Jahre später mit der Wiedervereinigung. Eine Phase, die von der Parallelgeneration in der DDR interessiert beobachtet wurde und das teils durchaus mit Sympathie für APO und RAF – die spätestens erlosch, als in den 90er Jahren bekannt wurde, dass die RAF-Aussteiger der zweiten Generation ausgerechnet in der DDR und mit Hilfe der Stasi Unterschlupf gefunden hatten.

Mahler, Schily und Ströbele reden lange schon nicht mehr miteinander. So führt auch Birgit Schulz das Trio nur virtuell in ihrem Dokumentarfilm »Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte« zusammen, auch ihr ist es nicht gelungen, die einstiegen APO- und RAF-Anwälte vor der Kamera zusammenzuführen.

Und doch ergibt sich aus den gegeneinander geschnittenen Interviews ein Bild dreier Männer, von denen ein jeder mit sich selbst im reinen erscheint, deren Lebenswege völlig stringent und die doch ratlos wirken, wenn es darum geht, den jeweils anderen zu erklären – sofern dafür überhaupt der Wille vorhanden ist.

Ihre Biographien ähneln sich in den ersten Jahrzehnten durchaus: alle kommen aus bürgerlichen Elternhäusern, diese mögen den Nazis verbunden gewesen sein oder ablehnend gegenüber gestanden haben. Und, so stellen sie es selbst dar, sie alle waren früh vom Gedanken der Gerechtigkeit besessen, erwiesen sich als hochintelligent und entschlossen sich früh zum Jurastudium, dass sie alle in einer Zeit beendeten, als es in der Bundesrepublik gärte, das Land begann, seine bräsige Selbstgefälligkeit in Frage zu stellen. Mit der Debatte um die Notstandsgesetze in der Zeit der großen Koalition formierte sich die APO, der Widerstand gegen den Vietnamkrieg erwies sich ebenso als Kitt für die jüngere Generation wie Musik und die Frage nach der Schuld der Väter. Mahler stieß als erster der drei Anwälte dazu, verteidigt die Kommunarden um Fritz Teufel und später die Witwe Benno Ohnesorgs; später sollte Schily sein Anwalt werden, als Mahler wegen von der RAF begangener Banküberfälle und Gründung einer terroristischen Vereinigung zur 12 Jahren Haft verurteilt wurde – obwohl ihm eine Tatbeteiligung nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte.

Schily und Ströbele wurden zu Anwälten der RAF-Terroristen, sahen sich immer wieder in deren geistige Nähe gerückt. Weil der Terroristen »Genossen« genannt hatte und – das nach seiner heutigen Darstellung damals nicht illegale – Informationssystem der in Isolationshaft sitzenden Terroristen mitorganisierte, wurde Ströbele gar zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt.

Als nach den Selbstmorden von Stammheim der deutsche Herbst einsetze und die zweite RAF-Generation weitestgehend ihren Kredit selbst unter einstigen RAF-Sympathisanten verspielt hatte, hatte der in den sechziger Jahren ausgerufene Marsch durch die Instituionen längst eine Wegmarke erreicht, an der Umkehr nicht möglich war: Ströbele wie Schily gehörten 1980 zu den Gründungsmitgliedern der Grünen. Mahler wurde aus dem Gefängnis entlassen, wo er seinen strammen Rechtsschwenk eingeleitet hatte, der ihn 2004 wiederum eine Haftstrafe einbrachte, dieses Mal wegen Volksverhetzung.

Schily hatte da sein letztes Amtsjahr als Innenminister der Bundesrepublik vor sich, die er, vor Jahren von den Grünen zu SPD gewechselt, nur noch von Gefahren umzingelt sah und mit immer neuen Gesetzesverschärfungen reagierte. Einer seiner wichtigsten Kritiker war ein alter Weggefährte: Hans-Christian Ströbele.

Thomas Steinberg, 2010

Kurz und knapp

Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler reden nicht mehr miteinander, obwohl die Zeit der APO und der RAF ihre gemeinsame Vergangenheit bildet. Porträt dreier Männer, deren Entwicklung nicht unterschiedlicher verlaufen konnte.

Kurz und knapp

*Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte
Land: Deutschland
Jahr: 2009
Gener: Dokumentarfilm
Regie und Buch: Birgit Schulz
Kamera: Isabelle Casez, Axel Schneppat
Musik: Pluramon
Schnitt: Katharina Schmidt
Produktion: Sabine de Mardt
Länge: 94 Minuten
FSK: ab 12
Prädikat: besonders wertvoll

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