
Das Urteil der Ökumenischen Jury Signis unter dem Vorsitz des rumänisch-französischen Filmemachers Radu Mihaileanu (»Zug des Lebens«) war eindeutig. »Antichrist« sei der frauenfeindlichste Film des selbsternannten größten Regisseurs der Welt. Und so verliehen die christlich geprägten Jurymitglieder erstmals in Cannes einen Antipreis, was Festivaldirektor Thierry Fremaux veranlasste, von einem Skandal zu sprechen und die Entscheidung in die Nähe von Zensur zu rücken.
»Antichrist« hat wie sowohl Kritik wie auch Publikum gespalten wie wenige Filme. Nicht nur wegen seiner expliziten Darstellung von Sex und körperlicher Gewalt, wegen Szenen, die bis an die Grenzen des Erträglichen gehen, sondern eben auch wegen der Frage, ob sich in »Antichrist« einmal mehr jene Frauenfeindlichkeit manifestiere, die dem dänischen Regisseur Lars von Trier seit Jahren immer wieder vorgeworfen wird. Und es wurde auch grundsätzlich: Ist von Trier ein bedeutender Regisseur (wenn vielleicht auch nicht der größte der Welt, was zu sein er tatsächlich behauptet hatte)? Oder ist er schlicht und einfach ein Scharlatan? War er das vielleicht schon immer?
Von Trier macht es Gegnern wie Verehrern leicht und schwer zugleich, er selbst liefert in Interviews und schriftlichen Einlassungen Argumente en masse, die sowohl für als auch gegen ihn und seine Werk sprechen. Von »Antichrist« behaupte von Trier, dass die Arbeit an diesem Film geholfen habe, eine Depression zu überwinden. Das Schreiben des Drehbuchs sei eine Fingerübung gewesen – ob er es überhaupt noch könne.
Das Überraschende an diesem – wenn man von Trier Glauben schenken will – Therapiefilm: damit wird der Minimalismus aufgegeben, den von Trier stets zelebriert hat, auch (und mit anderen Mitteln) nach Aufhebung des »Dogma«-Dogmas, man denke an »Dogville«: spartanischer geht es nicht mehr.
In »Antichrist« frönt der einstige Asket einer geradezu barocken Bilderpracht, um die menschliche Hölle zu zeichnen. Er, der einst es ablehnte, beim Filmen auch nur eine zusätzliche Lichtquelle zu verwenden, schickt nun Bilder durch Rechner, arbeitet mit Filtern, spielt mit Allegorien und kontrastiert sie mit einem übersteigerten Realismus. »Ich denke, ein starkes Bild sollte nicht aus einem Film herausgeschnitten werden, nur um des guten Geschmacks willen, oder um die Zuschauer zu schützen. Das ist mein Gefühl«, ließ von Trier seinen Interviewer Knud Romer wissen.
Er (Willem Dafoe) und Sie (Charlotte Gainsbourg) – ihre Namen erfährt der Zuschauer nicht – sind nach dem Tode ihres Sohnes auf sich allein geworfen. Die Frau droht vor Trauer und Schuldgefühlen allmählich irre zu werden, macht sich Vorwürfe, den Sohn, der die Eltern zufällig beim Geschlechtsakt überrascht, nicht beschützt zu haben – er stürzt beim Spielen aus dem Fenster, zerschellt auf dem Pflaster, während das Paar sich im Orgasmus verströmt.
Er, von Beruf Therapeut, nimmt den Tod des Sohnes erstaunlich, gar erschreckend gelassen und macht sich statt dessen kühl daran, ihr die Ängste zu nehmen, indem er sie ihrer Urangst aussetzt, jener vorm Wald. Beide fahren in einem einsame Hütte mitten im Wald, der nur Schrecknisse zu beherbergen scheint und geradezu menschenfeindlich wirkt.
Der Horror ist zunächst subtil, nicht mehr, als ein Gefühl des Unbehagens, das etwa das Geräusch der aufs Dach fallenden Eicheln erzeugt. Tote Tiere künden von Unheil. »Chaos regiert«, spricht ein seine Eingeweide verschlingernder Fuchs.
Inmitten dieses Dauerschreckens beginnt die Frau sich zu verändern: ihre Angst verwandelt sich in nervöse Gereiztheit. Zunehmend aggressiver versucht sie sich von ihm freizumachen. Zufällig entdeckt er eine von ihr nicht abgeschlossene Studie über die Hexeninquisition findet. Von ihm mit dem Fund konfrontiert, erklärt sie Frauen zum Bösen an sich.
Was folgt, ist Höllenritt und Exorzismus in einem. Sie wird ihn schwersten misshandeln, versuchen, zu erschlagen, ihn kastrieren und dann wieder um sein Leben befürchten, bevor sie sich selbst verstümmelt.
Ist der Film frauenfeindlich? Man kann es so sehen. Und auch ganz anders, wie etwa Elfriede Jelinek. Der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin jedenfalls kommt zu einem anderen Schluss: »Antichrist« ist ihr eine ganz grundsätzliche und an realen Gegebenheiten orientierte Untersuchung über das Verhältnis von Mann und Frau. Am Ende wird, wie stets, er über sie richten.
Thomas Steinberg, 2009
Nach dem Tod ihres Sohnes verfällt eine Frau in Trauer und tiefe Ängste. Ihr Mann, ein Psychotherapeut, versucht ihr zu helfen. Zunächst lässt sich die Frau auf die Therapie ein, um sich dann um so heftiger aufzulehnen.
Antichrist (Antichrist)
Land: Dänemark, Deutschland, Frankreich, Schweden, Italien, Polen
Jahr: 2009
Genre: Drama, Psychothriller
Regie und Regie: Lars von Trier
Kamera: Anthony Dod Mantle
Schnitt: Anders Refn
Darsteller: Willem Dafoe (Er), Charlotte Gainsbourg (Sie)
Produktion: Meta Louise Foldager, Madeleine Ekman, Lars Jönsson, Andrea Occhipinti, Ole Østergaard, Malgorzata Szumowska
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 18
FBW: besonders wertvoll