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Anam

Szene aus 'Anam': Nursel Köse (Anam) mit Kopftuch und Saskia Vester (Rita) mit Zigarette.
Noch ganz türkische Putz- und Hausfrau: Anam (Nursel Köse).

Putzfrau, langer Mantel, Kopftuch? Anam (Nursel Köse) kann, selbstverständlich, nur Türkin sein. Es scheint, als pflege Buket Alakus’ »Anam« vor allem das Klischee. Die Vermutung aber täuscht: Die Türken, so die Regisseurin in einem Interview, die ihren ersten Spielfilm gesehen hätten, seien der Meinung gewesen, es handele sich gar nicht um einen ausländischen Film. »Das freut mich sehr.« Alakus gehört wie Fatih Akin, Thomas Arslan, Yueksel Yavuz, Tevfik Baser oder Kutlug Ataman zu jener Gruppe junger deutsch-türkischer Filmemacher, die sich seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts einen eigenen Blick auf das Leben der Türken in Deutschland leisten: sie nutzen nicht selten das Klischee, um es zu unterlaufen.

Aufbruch in die neue Freiheit.

Die Tragikomödie »Anam« bildet da keine Ausnahme. In anderthalb Filmstunden wird aus der verhuschten, verhärmten Anam eine Frau, die erste Schritte in die persönliche Freiheit wagt. Dies geschieht nicht ganz freiwillig, sondern ist die Folge einer zweifachen persönlichen Kränkung. Deniz (Navid Akhavan), ihr Sohn, muss sie erfahren, nimmt Drogen und von Mehmet (Tayfun Bademsoy), ihrem Mann, wird sie betrogen. Und während sie diesen aus der Wohnung schmeißt, ist jener abgetaucht in der Drogenszene. Zurück bleiben: Anam, ihre Tochter Lelâ (Jülide Girisken) und eine große Portion Ratlosigkeit. Es kommen: Schwägerin Sevgi nebst vier Kindern und einer Menge öder Vorschläge und moralischer Vorhaltungen – bis Anam ihr die Tür weist.

Auf der anderen Seite stehen ihrer Kolleginnen Rita (Saskia Vester), blond und ständig hinter Männern her, und Didi (Audrey Motaung), deren Zuversicht mir Aberglauben gepaart ist. Sie ermuntern Anam, setzen sie auf die Spur. Und so zieht Anam los, ihren Sohn zu suchen, der in den Augen ihres Mannes nicht mehr zur Familie gehört. Sie trifft nicht auf ihn, sondern auf Deniz’ Freundin Mandy (Patrycia Ziolkowska), ebenfalls Junkie. Anam nimmt sie zu sich und verbucht erstmals einen ganz eigenen Erfolg: Mandy lässt sich helfen. Bis sie Deniz allerdings wiederfindet, wird noch Zeit vergehen.

Nach und nach wird offenbar: Anam ist nicht die verschüchterte Frau, für die man sie zunächst halten könnte, sondern selbstbewusst – eine Eigenschaft, die in sich zu entdecken, sie selbst zu überraschen scheint. Entsprechend bescheiden mutet ihr erster und einziger Wunsch an, den sie sich in der neu gewonnen Freiheit und Verantwortung gönnt: Anam lernt Auto fahren. Die Verwandlung, die sie hierbei in Wortsinne erfährt, wird ihr Stärke verleihen – und ihr zugleich all jene Härte nehmen, die es ihr möglich machte, sich selbst bedingungslos unterzuordnen und von anderen Unterordnung zu verlangen. Anam befreit sich. Und macht sich auf den Weg, ihren Sohn zu befreien. Auf dem Beifahrersitz des Autos liegt eine Pistole.

Thomas Steinberg, 2004

Kurz und knapp

Ihr Mann betrügt sie, ihr Sohn ist drogensüchtig: Ausgerechnet zwei private Katastrophen lassen die deutsch-türkische Putzfrau Anam ihr Selbstbewusstsein entdecken.

Daten und Personen

Anam
Land: Deutschland
Jahr: 2002
Buch und Regie: Buket Alakus
Kamera: Marcus Lambrecht
Musik: Mehmet Ergin
Schnitt: Ann-Sophie Schweizer
Darsteller: Nursel Köse (Anam), Navíd Akhavan (Deniz), Tayfun Bademsoy (Mehmet), Jülide Girisken (Lelâ), Leonard Lansink (Bernd), Audrey Motaung (Didi), Birol Ünel (Hasan), Saskia Vester (Rita), Patrycia Ziolkowska (Mandy)
Produzenten: Hejo Emons, Stefan Schubert, Ralph Schwingel
Länge: 86 Minuten
Format: Farbe
Sprachversion: deutsch
FSK: ab 12

Links

  • Ein weiterer deutsch-türkischer Film: »Gegen die Wand«
  • Das Institut für Kino und Filmkultur hat ein Filmheft für Lehrer zu »Anam« herausgegeben

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