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American Splendor

Szene aus 'American Splendor': Alte Frau und Harvey Pekar an der Supermarktkasse.
Auch Stars müssen an der Kasse warten.

Harvey Pekars größte Sorge ist, sich eines Tages keine Sorgen mehr machen zu müssen. Missmutig schlurft er durchs Leben, stets bemüht, ja keine gute Laune in seiner Umgebung aufkommen zu lassen. Harvey Pekar liebt seinen Job, weil der so öde ist und seiner Misanthropie Nahrung gibt: jahrzehntelang sortiert er Akten in einem Clevelander Krankenhaus.

Wie konnten zwei Filmemacher – das Ehepaar Shari Springer Berman und Robert Pulcini – auf die Idee verfallen, ausgerechnet einem Aktenordner zum Protagonisten ihres Films »American Splendor« machen? Die Antwort ist einfach: Harvey Pekar existiert. Und Harvey Pekar ist berühmt. Jedenfalls in gewisser Weise. Harvey Pekar ist sozusagen der berühmteste Durchschnittsamerikaner. Denn seit 1976 schreibt Harvey Pekar Comics unterm Titel »American Splendor«. Robert Crumb, Spain, Val Mayerik, Frank Stack und viele andere bekannte Comic-Zeichner illustrieren sie. Der Held in den »American Splendor«-Heften ähnelt Harvey Pekar, ist Harvey Pekar. Das Thema der Untergrundcomics: Harvey Pekars Leben. Und das seiner schrulligen Kollegen in den Aktenkatakomben eines Krankenhauses.

»Naja«, nörgelt Harvey Pekar, »es sieht nicht aus wie ich.« Pekar meint Paul Giamatti, den Harvey Pekar im Film »American Splendor«. Aber Giamatti überzeugt: er wirkt ebenso depressiv wie das Original.

Tschüss dann

Ein Filmheld über einen Mann, der sich selbst zum Helden seiner Comics macht – das klingt kompliziert, und es gibt Filmemacher, bei deren wäre ein komplizierter Film herausgekommen, wenn sie Spielfilm, Kommentare der Porträtierten, Animationen und Fernsehszenen zusammenschnitten. Ganz anders bei Berman und Pulcini. Nach fünfzehn Minuten haben sie das Publikum überzeugt: Harvey Pekar, das sind wir alle. Diese feilschenden alten Damen an der Supermarktkasse? Kennen wir. Und die hübsche Schulkameradin, die man unverhofft nach ein paar Jahren beim Einkauf wieder trifft. Ach ja, verheiratet. Also, tschüss dann. Das ist nicht traurig, sonst urkomisch.

Harveys Leben dreht sich im Kreis. Einzig die Jagd nach alten Jazzplatten verspricht Abwechslung. Bei einem privaten Flohmarkt trifft er einen jungen Kerl, einen Comiczeichner. Robert Crumb (James Urbaniak) heißt er. Die hängen zusammen herum, hören Jazz, blättern durch Comics. Crumb zieht nach San Francisco, hat Erfolg. Harvey bleibt in Cleveland erfolglos. Bis es ihn in einer Nacht überkommt. Er beginnt Strichmännchen zu kritzeln. Sprechblasen schweben über ihren Köpfen. Als Crumb wieder einmal nach Cleveland zurückkehrt, zeigt Harvey ihm seine Comics. »Darf ich das zeichnen?« Der erste Anti-Held des Comics wurde 1976 geboren: Harvey Pekar.

Und der hat Fans. Joyce Brabner (Hope Davis) zum Beispiel, Irgendwo in der Provinz betreibt sie einen Comicladen und reist eines Tages nach Cleveland, um sich von Harvey selbst eine Exemplar der »American Splendor«-Nummer abzuholen, von der ein Angestellter das letzte Exemplar verkauft hat. »Ich sag‹s lieber gleich«, eröffnet ihr Pekar, »ich habe mich sterilisieren lassen.«

Joyce und ihre psycho-somatischer Krankheiten passen hervorragend zu dem Misanthropen. Man heiratet. Schnell und schmerzlos. Harvey zum dritten Mal übrigens. (Als seine vorherige Frau ging, bekam er keinen Ton heraus – er hatte eine Kehlkopfentzündung. und glaubte an Krebs erkrankt zu sein.)

Die Ehe hält. Sie übersteht sogar acht Auftritte Pekars bei Talkgrandmaster David Letterman, der sich köstlich über den knurrigen Gast amüsiert. Und sie übersteht den Krebs, der Harvey nun, Jahrzehnte später, wirklich heimsucht.

Thomas Steinberg, 2005

Kurz und knapp

Das aberwitzige Leben des Comiczeichners Harvey Pekar.

Daten und Personen

American Splendor (American Splendor)
Land: USA
Jahr: 2003
Genre: Komödie
Regie und Buch: Shari Springer Berman, Robert Pulcini nach Harvey Pekars »American Splendor« und Joyce Brabners »Our Cancer Year«
Kamera: Terry Stacey
Musik: Mark Suozzo
Schnitt: Robert Pulcini
Darsteller: Paul Giamatti (Harvey Pekar), Harvey Pekar (als Harvey Pekar), Hope Davis (Joyce Brabner), Joyce Brabner (als Joyce Brabner), Toby Radloff (Judah Friedlander), Robert Crumb (Jamers Urbaniak), Alice Quinn (Maggie Moore), Mr. Boats (Earl Billings), Danielle (Madylin Sweeten) u.a.
Produzent: Ted Hope
Länge: 101 Minuten
Format: Farbe
Sprachversion: deutsche Synchronfassung
FSK: ab 6

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