
Mozart, ruft der Mann in die Nacht hinaus, Mozart möge ihm vergeben. Ihm, Antonio Salieri, seinem Mörder.
Salieri. Einst Wiens erfolgreichster Komponist. Ein Junge aus der italienischen Provinz, der sich hochgearbeitet hat. Der den Erfolg will. Der hofft, auserwählt worden zu sein, göttliche Musik zu schreiben und deswegen ein beinahe mönchisches Leben führt. Und der erkennen muss, dass es einen größeren gibt: Mozart. Ein Genie mit den Manieren eines Schmuddelkindes.
Milos Formans »Amadeus« war in seiner Zeit durchaus ein Experiment mit ungewissen Ausgang. Ein Film von 160 Minuten Länge, der sich zudem erlaubt, Musikstücke aus- statt sie nur anzuspielen und somit von seinen Zuschauern mehr Aufmerksamkeit erfordert, als die immer populärer werdenden Musikvideos. Doch die Zuschauer ließen sich fesseln. Forman, indem er Mozart entmystifizierte, verschaffte dem Komponisten beim Kinopublikum den Nimbus eines vorzeitigen Popstars, der sich um Konventionen nicht schert.
Der junge Mann und die junge Frau tollen auf dem Fußboden herum. Sie necken sich, sie benutzen ordinäre Worte, von denen Salieri (F. Murray Abraham), die Szene in der erzbischöflichen Residenz heimlich beobachtend, höchst unangenehm berührt ist. Plötzlich erklingen Instrumente, der junge Mann springt auf und stürzt mit dem Ruf »Meine Musik« los.
In Wien erinnert man sich noch des Wunderknaben, den sein Vater einst in der österreichischen Hauptstadt vorgeführt hatte. Als Mozart (Tom Hulce), inzwischen Mitte zwanzig, nach Wien zurückkehrt, kommt er als Komponist und gibt in der erzbischöflichen Residenz ein Konzert. Und verstört damit Salieri zutiefst: Offensichtlich hat Gott nicht ihn, den sittenstrengen Italiener erkoren, zum Instrument erwählt. Sondern einen liederlichen Kindskopf. Salieri weiß sofort: Gegen Mozart ist er chancenlos.
Forman bettet die Wiener Jahre Mozarts, dessen Aufstieg und dessen Fall, in eine Rahmenhandlung. Der alte Salieri schildert einem Pater im Irrenhaus, wie er versuchte, sich seines Konkurrenten zu entledigen, dessen Musik er so sehr bewunderte und genoss. Wie er Intrigen spann, Mozart ruinierte und isolierte, während er sich dem jungen Kollegen gegenüber stets als väterlicher Freund gerierte.
Mozart wirkt auf Salieri wie eine einzige Provokation. Ganz leichthändig variiert jener einen Marsch Salieris und verleiht dem glanzlosen Original Brillanz. Er verführt eine Schülerin der Meisters. Und der rächt sich, versucht, die Berufung Mozarts, dieses scheinbar sorglosen Großmauls, dem die Töne zufallen. Als Constanze (Elizabeth Berridge), Mozarts Frau, ausgerechnet Salieri um Hilfe bittet, bringt sie Arbeiten ihres Mannes mit. Ein neuer Schock für Salieri: keine einzige Korrektur findet sich auf den Notenblättern. Salieri zürnt Gott und sinnt darauf, dessen Werkzeug, Mozart, zu zerstören.
Dies gelingt ihm. Er macht sich den größten Schwachpunkt Mozarts zunutze: dessen ambivalentes Verhältnis zum Vater. Mozart verarmt, er gibt sich dem Alkohol hin, verliert jeden Rückhalt am Hof und schreibt statt dessen Musik fürs Volkstheater.
Doch noch im Sterben liegend wird Mozart Salieri dessen Mittelmäßigkeit vor Augen führen: Er diktiert ihm die Noten seines Requiems.
Thomas Steinberg, 2006
Genie und Mittelmaß – die fiktive Lebensgeschichten Mozarts und Salieris.
Amadeus (Amadeus)
Land: USA
Jahr: 1984
Regie: Milos Forman
Buch: Peter Shaffer
Kamera: Miroslav Ondrícek
Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Antonio Salieri, Giovanni Battista Pergolesi
Schnitt: Nena Danevic, Michael Chandler
Darsteller: Tom Hulce (Wolfgang Amadeus Mozart), F. Murray Abraham (Antonio Salieri), Elizabeth Berridge (Constance Mozart), Simon Callow (Emmanuel Schikaneder), Roy Doctrice (Leopold Mozart), Christine Ebersole (Catarina Cavalieri), Jeffrey Jones (Joseph II.), Charles Kay (Orsini-Rosenberg), Kenny Baker , Barbara Bryne (Frau Weber), Roderick Cook (Graf Von Strack), Douglas Seale (Graf Arco)
Produzent:** Saul Zaentz
Länge: 160 Minuten
FSK: ab 12