
Boris steht. Unsicher, doch auf eigenen Beinen. Er weiß jetzt sicher: »Ich komme bald zurück ins Leben.« In das Leben, wo Katarina ihn erwartet. Und das Cello.
Boris Baberkoff, 33 Jahre, ist seiner Frau Katarina Peters in New York unterwegs. Er will als Musiker eine neue Karriere beginnen, etwas anderes machen, als bisher; Boris suchte ein Plattenfirma. Katarina will einen Film drehen über die New Yorker Kunstszene.
Die beiden fühlen sich wohl. Sie gehen shoppen, feiern mit Freunden. Eines Abends wird Boris sehr übel. Er übergibt sich. Man bringt ihn ins Krankenhaus, auf die Intensivstation. Wenig später liegt der Befund vor: Schlaganfall des Stammhirns. Boris ist locked-in, eingesperrt in seinen Körper, ein »lebender Leichnam«, wie Alexandre Dumas ihn in »Der Graf von Monte Christo« schildert. Unfähig zu sprechen, unfähig sich zu bewegen, dabei sich seines Zustandes voll bewusst und in der Lage, alles wahrzunehmen, was um ihn herum geschieht. Einzig mit einem Blinzeln kann Boris sich mitteilen. Die Diagnose ist klar, die Heilungschancen sind völlig ungewiss.
In dieser Situation tut Katarina, was manche zunächst als anstößig und schamlos empfinden mögen: Sie beginnt zu filmen. Fünf Jahre wird sie immer wieder die Kamera auf Boris richten. Er ist einverstanden, dass sie über ihn einen Film drehen wird. Über den Mann, in den sie sich so heftig verliebt hatte, und von dem sie nicht wusste, ob er überhaupt noch existiere.
»Am seidenen Faden« zeigt einen Mann von schier unbändigem Lebenswillen. Der sich zwingt. Und der seine Frau zwingt, bei ihm zu bleiben, ihm zu helfen, zu warten. Dass er endlich wieder einen Finger bewegen kann. Dass aus den wilden Grimassen wieder ein Lächeln wird. Sein Gelalle sich zu Wörtern formt und allmählich zu ganzen Sätzen. Eine Frau, die seine Wut erträgt, wenn ihm die Glieder nicht gehorchen wollen. Sie wechselt seine Windeln, sie schimpft manchmal, als sei er ein kleines Kind. Und die nicht weiß, wie sie das alles durchstehen soll. Im Traum häkelt sie ihm ein neues Hirn aus Garn.
Dazu kommt die Schuldenlast. Der Krankenhausaufenthalt in den USA hat eine sechsstellige Summe gekostet. Irgendwann ist Katarina an dem Punkt zu glauben, all dies nicht mehr ertragen zu können. Sie trennt sich von Boris, um ihn nach vier Wochen wieder zurückzuholen.
Boris Baberkoff wird dafür sein Versprechen einlösen. Er wird zurückkehren ins Leben. Er wird wieder Cello spielen.
Thomas Steinberg, 2006
Ein junger Musiker erleidet eine schweren Schlaganfall. Seine Frau dokumentiert mit der Kamera, die mühsame Rückkehr der beiden in ein normales Leben.
Am seidenen Faden
Land: Deutschland
Jahr: 2005
Genre: Dok-Film
Regie und Buch: Katarina Peters
Kamera: Katarina Peters, Christopher Rowe
Musik: Boris Baberkoff
Schnitt: Friederike Anders
Produktion: Katarina Peters