
An den Grenzen der Genres hat sich Jean-Luc Godard nie lange aufgehalten: »Man kann alles in einem Film unterbringen. Man muss alles in einem Film unterbringen«, notierte er zwei Jahre nach der Premiere von »Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60« (»Alphaville – Une étrange aventure de Lemmy Caution«), mit dem er sein simultanes und fragmentarisches Denken 1965 exemplarisch vorgeführt hatte. Als eigentümliche Mischung aus düsterer Detektiv-Story, pessimistischem Science Fiction und beiläufiger Romanze steht der Streifen heute zwar im übergroßen Schatten von Godards Meisterwerk »Außer Atem« (»A bout de souffle«), als Beispiel für die überbordende Filmsprache seines Schöpfers und für die geringe Halbwertzeit von Utopien in der Gegenwart aber besitzt die Nummer 13 seiner Filmografie ihren bleibenden Wert.
Erzählt wird die Geschichte des Ermittlers Lemmy Caution (Eddie Constantine), der in einer vagen, kalten Zukunft nach seinem verschwundenen Vorgänger Henri Dickson (Akim Tamiroff) und nach einem ominösen Wissenschaftler mit dem beredten Namen Leonard Vonbraun (Howard Vernon) sucht. Dabei muss er allmählich erkennen, dass sein eigentlicher Gegner ein emotionsloser Rechner ist, der von dem verschollenen Forscher entwickelt wurde und dessen Seriennummer Alpha 60 auch dem Schauplatz des Geschehens den Namen gibt.
Requested image(s) could not be found.Gegen diese Maschine, die ihren totalen Willen zur Macht mit öffentlichen Exekutionen untermauert, helfen keine herkömmlichen Waffen – sondern nur jene Gefühle wie Schmerz oder Zuneigung, die dem Apparat unzugänglich und daher hochgradig verdächtig sind. Dass ausgerechnet ein wortkarger und von allem Anfang an desillusionierter Einzelgänger, der sich Trenchcoat und Hut mit Klischee-Kollegen wie Philip Marlowe, Dick Tracy oder Jerry Cotton teilt, am Ende den Satz »Ich liebe Dich!« als Zauberformel entdeckt, ist nicht frei von Komik – und behauptet doch einen humanen Ausweg aus einer unmenschlichen Zivilisation, die ihre Kraft aus der psychischen Gleichschaltung bezieht.
Der Clou des Filmes, für den sich Godard durch einen Text von Paul Eluard inspirieren ließ, liegt allerdings in seiner konkreten Verortung dieser finsteren Utopie. Obwohl als Schauplatz des Geschehens ein fremder Planet suggeriert wird, verzichtet der Regisseur auf phantastische Architektur-Modelle – und überhöht stattdessen das Paris seiner Gegenwart zu einer futuristischen Metropole. Mit Piktogrammen und menschenleeren Räumen verfremdet er dem Betrachter reale Orte wie den Flughafen Orly oder ein Firmengebäude des Esso-Konzern – und benötigt am Ende wenig mehr als einen Ventilator in Großaufnahme, um seinen alles beherrschenden Computer in Szene zu setzen. Wenn eine zeitlich scheinbar ferne Geschichte aber räumlich so nahe rückt, wird aus der Science Fiction ein aktueller Anti-Zukunfts-Film. Und der liest sich rückblickend wie eine prophetische Mahnung inmitten der damaligen Modernisierungs-Euphorie.

Dass sich Jean-Luc Godard damit vor fast vier Jahrzehnten einmal mehr instinktsicher an die Spitze einer ganzen Reihe von Filmemachern stellte, sei nicht verschwiegen: Francois Truffaut verfilmte fast zeitgleich den Roman »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury, der von einer anti-intellektuellen Diktatur der Bücherverbrenner erzählt. Mit Stanley Kubricks »2001« und Andrej Tarkowskis »Solaris« folgten weitere Visionen, die ungebremsten Fortschritt in eine vergleichsweise nahe Zukunft verlängerten. Wie einflussreich Godards 1965 mit einem »Goldenen Bären« prämierte Erfindung dabei war, zeigt das Echo des Filmtitels in der Popkultur: Neben der deutschen Pop-Band »Alphaville« benannte sich auch die Produktionsfirma von Aki Kaurismäki nach »Ville Alpha«. Und die Apokalyptiker der slowenischen Band Laibach ließen gar die Stimme des Maschinen-Gottes in einem ihrer Songs zu Wort kommen.
Andreas Hillger, 2004
Alphaville ist eine Stadt, in der Gefühle verboten sind: Ein Computer namens Alpha 60 beherrscht die Menschen.
Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60 (Alphaville – Une étrange aventure de Lemmy Caution)
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1965
Genre: Science fiction
Buch und Regie: Jean-Luc Godard
Kamera: Raoul Coutard
Musik: Paul Misraki
Schnitt: Agnès Guillemot
Darsteller: Eddie Constantine (Iwan Johnson/Lemmy Caution), Anna Karina (Natascha von Braun), Akim Tamiroff (Henry Dickson), Howard Vernon (Prof. von Braun/Prof. Leonard Nosferatu), Jean-Louis Comolli (Prof. Jeckell), László Szabó (Chefingenieur), Michel Delahaye (von Brauns Assistent), Jean-André Fieschi (Prof. Heckel)
Produzent: Philippe Dussart
Länge: 93 Minuten
Format: schwarz-weiß
Sprachversion: französisch mit deutschen Untertiteln
FSK: ab 12