
Eine dieser abgegriffenen Redewendungen, die so gerne von Journalisten benutzt wird, aber nur von diesen (und vielleicht noch von drittklassigen Werbern), lautet: die schönsten Wochen des Jahres. Gemeint ist damit der Urlaub. Dass dies Urlaubswochen eher häufiger denn selten zu den stressigsten des Jahres gehören, daran erinnert in einer ganz unspektakulären und deshalb besonders intensiven Weise Maren Ades neuer Film »Alle anderen«.
Das Ferienhaus sieht genau so aus, wie man sich ein Ferienhaus von Besserverdienern vorstellt, die immer noch glauben, irgendwie anders zu sein als die Mehrheit und wie zum Beweis ihr Ferienhaus mit zur geschmackvollen Kunst erklärten Kitsch zumüllen. Es ist das Haus von Chris’ Eltern, der mit Anfang 30 erfolglos die Arbeit eines Architekten simuliert, je nach Betrachtungsweise als still oder dröge gelten kann und jetzt mit seiner Freundin Gitti (Birgit Minichmayr), PR-beraterin in der Musikbranche, den Urlaub auf Sardinien verbringt. Die ist etwa gleichaltrig, im Job erfolgreich, selbstbewusst an der Grenze zur Selbstgefälligkeit. Irgendwie haben es die beiden trotzdem geschafft, sich aneinander zu gewöhnen und würden, danach befragt, wahrscheinlich behaupten, einander zu lieben.
Chris hat gerade einen beruflichen Rückschlag einstecken zu müssen, so dass ihm Gittis Aufforderungen, doch endlich an seinem Erfolg zu arbeiten, wie Hohn vorkommen müssen, was diese nicht ahnen kann, denn Chris schweigt über den neuerlichen Misserfolg um des genussvollen Urlaubs willen. Mit jedem Tag wachsen die Spannungen zwischen beiden, und das umso mehr, als eines Tages mit Sana (Nicole Marischka) und Hans (Hans-Jochen Wagner) ein Paar auftaucht, dessen Leben als Gegenentwurf zum dem von Gitti und Chris dienen könnte: sie haben erstens Erfolg und zweitens die Rollen mehr oder minder so geregelt, wie es einem traditionellen Verständnis vom Verhältnis der Geschlechter entspricht.
Chris sieht darin ein Modell für seine am Rande des Scheiterns stehende Beziehung, wohl weniger, um diese zu retten als um sein Gesicht zu wahren. Und Gitti lässt sich darauf ein, zumindest versucht sie es, wohl auch, weil sie überzeugt ist, dass ihr an Chris etwas liegen könnte.
Maren Ade hat für »Alle anderen« in Berlin den Silbernen Bären erhalten, auch Minichmayr wurde für ihre Rolle ausgezeichnet.
Thomas Steinberg, 2009
Ein Pärchen Anfang 30 macht Urlaub und muss erkennen, dass das, was sie für Liebe halten, wohl doch nur ein anderer Ausdruck für Beziehungsunfähigkeit ist.
Alle anderen
Land: Deutschland
Jahr: 2009
Genre: Komödie
Regie und Buch: Maren Ade
Kamera: Bernhard Keller
Schnitt: Heike Parplies
Darsteller: Birgit Minichmayr (Gitti), Lars Eidinger (Chris), Hans-Jochen Wagner (Hans), Nicole Marischka (Sana), Mira Partecke (Urlauberin), Atef Vogel (Urlauber), Paula Hartmann (Rebecca), Carina Wiese (Schwester von Chris)
Produktion: Janine Jackowski, Dirk Engelhardt, Maren Ade
Länge: 124 Minuten
FSK: ab 12
FBW: besonders wertvoll