
Ob das sein Vater sei, fragt Ivan (Mads Mikkelsen) Adam (Ulrich Thomsen), als der gerade ein Bild an die Wand seines Zimmers hängt. Das Bild zeigt Hitler.
Ivan, der Landpfarrer, meint seine Frage nicht ironisch. Ironie ist ihm, dem Gutmenschen, fremd. Ivans glaubt wie Hiob unerbittlich an das Gute, gleichgültig, welche Prüfungen ihm Gott auferlegt. Und das vermutet er selbstverständlich in Adam, dem stämmigen und straffen Neonazis, der während seiner Bewährungszeit in Ivans Besserungskommune geschickt wurde, ohne dass Ivan ahnen würde, dass Adam bald zu einer neuen Prüfung für ihn werden wird. Denn Adam beschließt bald nach seiner Ankunft, Ivan die Augen zu öffnen.
Er gilt als der produktivste Drehbuchautor Dänemarks: Über 30 Drehbücher hat Anders Thomas Jensen bislang geschrieben und zur Abwechslung zwischendurch hin und wieder Regie geführt; »Adams Äpfel« ist seine dritte Regiearbeit und, darauf besteht er, kein politischer Film. Sondern einer, der unterhalten will. Und ein Film, mit dem er eine humanistische Botschaft verbreiten wolle. Was Adam und Ivan erst am Ende des Films verstehen werden. Bis dahin wird Jensen sie höchst unkorrekten und nur von den Zuschauer amüsanten Prüfungen unterziehen.
Wer auf Ivans Arche eingeschifft wird, muss sich selbst eine Aufgabe auferlegen. So wollen es die Spielregeln und Ivan. Adam, schon von der Fahrt in Ivans Auto enerviert, erblickt einen Apfelbaum vor der weiß getünchten Kirche. Er werde, verkündet Adam, einen Apfelkuchen backen. Ivan, die ironische Provokation nicht erfassend, willigt ein, obwohl die Aufgabe allzu simpel erscheint. Ist sie aber nicht. Glänzen die Äpfel bei Adams Ankunft noch frisch und knackig, fallen alsbald Raben, Raupen und Unwetter über die Früchte her.
Von solchem Fundamentalismus ist ist Ivans Gutgläubigkeit, dass er die Leiden der ihm anvertrauten ebenso wenig wahrnimmt wie deren fester Wille, sich eben nicht zu ändern. Gunnar (Nicolas Bro), Triebtäter und Säufer, leert weiter eine Schnapsflasche nach der anderen und macht sich an Frauen heran, und der Tankstellenräuber Khalid (Ali Kazim) beweist, dass er sein handwerk und den Umgang mit der Waffe weiterhin beherrscht. Und als Sarah (Paprika Steen), Entwicklungshelferin, Trinkerin und schwanger den Pfarrer um Rat fragt, tröstet er sie mit Hinweis auf sein eigenes, schwer behindertes Kind, das doch so lustig sei und viel Freude habe am Leben. (Nur dass Ivans Frau wohl so viel Freude nicht gewachsen war – sie hat einfach umgebracht.) Das Dilemma der Theodizee, dass ein allmächtiger Gott das offensichtliche Böde zulässt und das Leid, Ivan löst es mit sturer Ignoranz.
Bis Ivan eines Tages eine Botschaft erreicht, die ihn zweifeln lässt, ob die Ergebenheit eines Hiobs – »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!« – wohl geeignet ist, die irdischen Herausforderungen zu bestehen, und dabei Mensch zu bleiben.
Thomas Steinberg, 2006
Ein Neonazi versucht einen Pfarrer von der Existenz des Bösen in der Welt zu überzeugen.
Adams Äpfel
Land: Dänemark
Jahr: 2005
Genre: Komödie
Regie und Buch: Anders Thomas Jensen
Kamera: Sebastian Blenkov
Musik: Jeppe Kaas
Schnitt: Anders Villadsen
Darsteller: Ulrich Thomsen (Adam), Mads Mikkelsen (Ivan), Paprika Steen (Sarah), Ole Thestrup (Dr. Kolberg), Ali Kazim (Khalid), Nicolas Bro (Gunnar), Nikolaj Lie Kaas (Holger), Gyrd Løfqvist (Poul), Tomas Villum Jensen
Produktion: Mie Andreasen, Tivi Magnusson
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 16