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37 Uses for a Dead Sheep

Szenen aus '37 Uses für a Dead Sheep' - Frau und zwei Kinder auf einem Pferd
Nachgestellte Szene aus der Geschichte der Pamir-Kirgisen.

Als sie festsaßen im pakistanischen Asyl, als ihre Leute starben und die Tiere, da schrieben die sie Briefe in alle Welt, ob es irgendwo einen Staat gäbe, der bereit sei, ihr kleines Volk aufzunehmen. Vier Jahre warteten sie vergebens, dann trafen fast zeitgleich zwei Angebote ein: aus Alaska das eine, aus der Türkei das andere. Die Pamir-Kirgisen entschieden sich Anatolien; dort leben sie nunmehr seit mehr als zwanzig Jahren im Dorf Ulupamir.

Ben Hopkins stieß bei den Dreharbeiten zu »Footprints« auf die Pamir-Kirgisen und ihre Geschichte. Der Entschluss war bald gefasst: Hopkins nächstes Filmprojekt sollte sich mit den Pamir-Kirgisen befassen.

Doch Hopkins wollte keinen Dokumentarfilm aus der dünkelhaften Perspektive des enthnologisch interessierten Regisseurs aus dem Westen drehen. Entstanden ist kein süßlicher Film wie die »Geschichte vom weinenden Kamel«, sondern ein witziger Streifen, gegliedert in 37 Kapitel, die sich an den Verwertungsmöglichkeiten des Schafes orientieren und den Titel lieferten »37 Uses of a Dead Sheep«.

Kaum ein Volk war in den vergangenen 100 Jahren so oft auf der Flucht wie die Pamir-Kirgisen. Lebten die meisten von ihnen Anfang des 20. Jahrhunderts vorwiegend im russischen Teil des Pamir, sahen sie sich nach der Gründung der Sowjetunion zunehmend Repressionen und Gewalt ausgesetzt, weil sie sich beharrlich allen Versuchen widersetzten, sich der neuen Macht zu unterwerfen. Nach 20 Jahren des Widerstands – auch des bewaffneten – siedelten sie mit ihren Tieren um in den chinesischen Teil des unwirtlichen Gebirges.

Das war keine wirklich gute Idee, denn Maos Revolutionsgarden machten sich gerade daran, das Reich der Mitte nach ihren Vorstellungen umzukrempeln, wozu von Anbeginn wahllose Morde an der Bevölkerung gehörten.

Der Pamir ist groß – die Kirgisen zogen also über die Grenze nach Afghanistan, wo sie sich sicher wähnten. Dafür nahmen sie sogar weit ungünstigere klimatische Bedingungen in Kauf. Wieder trog die Ruhe. In den späten 70er Jahren installierte die Sowjetunion ein kommunistisches Regime. Noch bevor die alten Gegner ins Land einfielen, waren die Pamier-Kirigisen geflohen, dieses Mal ins benachbarte Pakistan. Man nahm sie auf, doch setzte das Leben in den Flüchtlingslagern den Pamir-Kirgisen hart zu. Viele starben, die Schafherden, Lebensbasis der Kirigisen, schrumpften, das Ende des Stammes schien absehbar und wurde erst abgewendet mit dem Angebot aus der Türkei, die Pamir-Kirgisen aufzunehmen.

Wie erzählt man eine solche Geschichte von Flucht und Vertreibung, die bislang bestenfalls Experten bekannt war, nur bruchstückhaft dokumentiert ist und dem Vergessen anheim zufallen droht?

Gemeinsam mit dem kirgisischen Bildhauer Ekber Kutlu entwickelte Hopkins die Grundidee für »37 Uses of a Dead Sheep«: Die Pamir-Kirgisen selbst sollten die Geschichte ihres Stammes darstellen. Der Vorschlag gefiel.

So werden aus »37 Uses« drei Filme: eine Dokumentation über das heutige Leben der Pamir-Kirigisen, eine gewitzte Geschichtsdarstellung und ein Making Off des Films, denn Hopkins zeigt, wie seine Darsteller in ihre verschiedenen Rollen schlüpfen oder den Film diskutieren. Hopkins macht die Pamir-Kirigisen zu Stars, die selbstbewusst über ihre Rollen entscheiden.

Was »37 Uses for a Dead Sheep« überdies auszeichnet sind ungewöhnliche ästhetische Mittel. Wenn Kameramänner heute dank Digitaltechnik bei Dokumentarflmen auf aufwendiges Equipment verzichten können, hatte Gary Clarke gleich mehrere Kameras nach Ulupamir mitgebacht. Während Hopkins die historischen Szenen jeweils im (Propaganda)-Stil der Zeit inszenierte, bannte Clarke sie auf das jeweils angemessene Filmmaterial und unterstreicht damit noch den selbstbewussten Duktus des Films: hier werden die Darsteller nicht inszeniert, sie inszenieren sich. Humorvoll und selbstbewusst.

Thomas Steinberg, 2006

Kurz und knapp

Ein Dokumentarfilm nicht über, sondern mit den Pamir-Kirgisen.

Daten und Personen

37 Uses for a Dead Sheep
Land: Großbritannien
Jahr: 2006
Regie: Ben Hopkins
Buch: Ben Hopkins **Kamera: Gary Clarke
Musik: Paul Lewis
Schnitt: Marco van Welzen
Darsteller: Das Volk der Pamir-Kirgisen
Produktion: Natasha Dack, Ben Hopkins, Nikki Parrott
Länge: 88 Minuten
FSK: ab 6

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