
Vielleicht hätten sie ohne Donald Thomson ihre Geschichte längst vergessen. Thomson, Anthropologe, lebte in den 30er Jahren unter den Aborigines im Norden Australiens, er fotografierte und filmte ihren Alltag und ihre Feste, und er vermittelte zwischen ihnen und weißen Siedlern, aber ebenso zwischen verschiedenen Clans der Yolngu, um den Gewalttätigkeiten ein Ende zu bereiten.
Auf einem der von Thomson aufgenommen Fotos sind zehn Ureinwohner in Kanus aus Rinde zu sehen. David Gulpilil, wohl der bekannteste von australischen Ureinwohnern abstammende Schauspieler, zeigte diese Bild Rolf de Heer, als der bei ihm zu Gast in Ramingining war. Solche Boote, meinte Gulpilil, brauche man für den Film, den de Heer drehen wollte, und von dem kaum mehr als eine vage Idee existierte: dass man ihn gemeinsam mit den Aborigines aus Ramingining, einer 800-Seelen-Siedlung im tropischen Norden des Kontinents, entwickeln wolle. Und dass diese über den Inhalt des Films mitbestimmen sollten.
Für die Aborigines stand alsbald fest: es sollte ein Film werden, der tief in die Vergangenheit führt, eine Vergangenheit, die auch für sie weit entfernt ist; zu sehr hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ihr Lebensstil geändert. Und doch: dieser oder jener unter den Älteren konnte sich noch erinnern, wie ein Rindenkanu gebaut wird und wie man traditionell auf auf die Jagd nach Gänsen ging und deren Gelege leerte.
Die Geschichte von »10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen« führt zunächst 1000 Jahre in die Vergangenheit. Es ist Zeit der Gänsejagd, Dayindi (Jamie Dayindi Gulpilil Daleithngu) ist einer der Jäger, ein junger Mann und verliebt in die jüngste Frau Minygululus (Peter Minygululu). Der entschließt sich, Dayindi eine Geschichte zu erzählen. Diese taucht noch tiefer ein in ein mythische Vergangenheit.
De Heer wählte für beide Ebenen eine unterschiedliche Bildsprache. Die Rahmenhandlung ist schwarz-weiß gedreht, eine Anleihe an der Ästhetik der Fotos Thomsons und ein bewusst gesetzter Kontrast zu den farbigen Bildern, die eine uralte Geschichte von Liebe, Eifersucht und Tod erzählen.
»10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen« ist der erste Film, der unter direkter Beteiligung von Aborigines entstand – und das Filmteam vor ungewohnte Herausforderungen stellte. Das fing an mit der Verständigung: In Australien sind rund 200 Sprachen beheimatet (wobei inzwischen die meisten vom Aussterben bedroht sind), selbst in Ramingining (und im Film) sind verschiedene Sprachen zu hören. Die meisten können Aborigines sich traditionell zumindest mit ihren Nachbarn verständigen, mussten einige Yolngu als Dolmetscher einspringen: Das Filmteam beherrschte nur Englisch, eine Sprache, in der sich auszudrücken einigen der Darsteller Probleme bereitete.
Als besonders schwierig erwies sich zudem das Casting: Verschiedene Darsteller im Film gaben sich selbst ihre Rolle – mit dem Anspruch der Nachfahren der Jäger auf dem historischen Foto. Zudem gilt unter den Aborigines ein völlig anderes Verständnis von verwandtschaftlichen Verhältnissen als es etwa Europäern vertraut ist – und diese familiären Bande mussten ebenfalls bei der Besetzung berücksichtigt werden.
Das mag in einzelnen den schauspielerischen Qualitäten des Films abträglich sein – was nichts daran ändert, dass er auf seine Art einen ungewöhnlichen Einblick gewährt in die Gedankenwelt der Aborigines, ohne ins Folkloristische abzudriften.
Thomas Steinberg, 2007
Der erste Spielfilm, der unter aktiver Mitwirkung von Aborigines gedreht wurde.
10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen (Ten Canoes)
Land: Australien
Jahr: 2006
Regie und Buch: Rolf de Heer
Kamera: Ian Jones
Schnitt: Tania Nehme
Darsteller: Crusoe Kurddal (Ridjimiraril), Jamie Dayindi Gulpilil Daleithngu (Dayindi/Yeeralparil), Richard Birrinbirrin (Birrinbirrin), Peter Minygululu (Minygululu), Frances Djulibing (Nowalingu), David Gulpilil Ridjimiraril Dalaithngu (Erzähler), Sonia Djarrabalminym (Banalandju), Cassandra Malangarri Baker (Munandjarra), Philip Gudthaykudthay (Hexer), Peter Djigirr (Kanufahrer/Das Opfer/Kämpfer), Michael Dawu (Kanufahrer/Fremder), Bobby Bununggurr (Kanufahrer/Onkel)
Produktion: Rolf de Heer, Julie Ryan
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 12