
Mehr Schmalz, bitte. Es ist kein Problem für Douglas Sirk, der Forderung seiner Produktionsfirma nachzukommen, und »Was der Himmel erlaubt« (»All that Heavens Allows«) statt des von ihm beabsichtigen tragischen Schlusses ein Happy End zu verpassen: Da pflegt die Heldin den verletzten Helden – und durch das große Panoramafenster schaut ein Rehlein zu. So unterläuft Sirk die Erwartungen, die an ihn gestellt werden: der Kitsch kippt in die Satire.
Douglas Sirk gilt als der Regisseur, der wie kein anderer das melodramatische Kino der 50er Jahre in Hollywood repräsentiert. Als »women’s weepies« gelten nicht wenige seiner Streifen, Filme, bei denen Zuschauerinnen hemmungslos Tränen vergießen konnten. In Deutschland bekommt dieser Ruf Sirk überhaupt nicht – das Beste, was ihm hier widerfährt, ist ein Verriss. Jedenfalls bis zu dem Tag, an dem Rainer Werner Fassbinder bekennt, Sirks Filme für die besten zu halten, die je gedreht wurden.
Douglas Sirk wird als Detlef Sierk 1897 in Hamburg geboren. Sierk erweist sich als universeller Geist: Einstein kennt er ebenso wie Brecht, übersetzt Shakespeare und bringt Kleist auf die Bühne. Schon mit 24 Jahren wird er Dramaturg am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, wo er zwei Jahre zuvor bereits sein erstes großes Stück inszenierte. Mitte der 30er Jahre kommt er zum Film und macht Zarah Leander mit »La Habanera« und »Zu neuen Ufern« zum Star, bevor er 1937 aus Deutschland flüchtet und über mehrere Stationen schließlich die USA, Hollywood erreicht.
Es verstreichen mehrere Jahre, bis er dort eine Chance erhält: »Hitlers Madman« (1943) wird sein erster amerikanischer Film, ein Film über das damals gegenwärtige Deutschland. Überhaupt fällt auf, dass Sirk für mehrere Jahre amerikanische Themen meidet. Es entstehen Krimis, Thriller, Komödien. Erst in den 50er Jahre beginnt Sirk, seine Erfahrungen mit dem neuen Heimatland filmisch zu Melodramen zu verarbeiten, mit denen er seinen Ruhm begründete. In rascher Folge entstehen »Was der Himmel erlaubt« (»All that Heaven Allows«), »In den Wind geschrieben« (»Written in the Wind«) und einige andere Filme. Beendet wird diese hoch produktive Lebensphase mit »Solange es Menschen gibt« (»Imitation of Life«) – vielleicht seinem Meisterwerk schlechthin, das 1958 entsteht und gemeinsam mit »Zeit zu leben, Zeit zu sterben« (»A Time to Love and a Time to Die«) den Schlusspunkt setzt hinter seine Existenz als Filmregisseur. Sirk kehrt in seine Heimat zurück, arbeitet fortan an Theatern und stirbt 1987 in der Schweiz.
Mit dem Vorwurf, Trivialkino auf die Leinwände zu bringen, wird Sirk oft konfrontiert. Tatsächlich aber schafft Sirk in seinen Melodramen hochartifizielle Welten, in denen seine Helden agieren – und ein ums andere Mal scheitern. Nicht nur an ihrer Umwelt, sondern ebenso an sich selbst, an ihrer Unfähigkeit oder ihrem Unwillen, aus ihren sozialen Gefängnissen auszubrechen. Eine »irrationale und tief pessimistische Welt«, so Sirk einmal, zeichne er, aber als jemand, der seine Gestalten mag, wenngleich seine großen Filme all ironisch grundiert sind. Alles bei Sirk ist genauestens geplant: das Licht, oft sichtbar künstlich, die satten Technicolor-Farben, die Kleidung – dies gelten Sirks mehr als bloßer Zierrat, sondern dienen einzig und allein einem Ziel: das Seelenleben seiner Protagonisten offenzulegen, die letztlich doch nur ein Leben zwischen Kulissen führen.
Thomas Steinberg, 2005
deutsch-amerikanischer Filmregisseur, geboren am 26. April 1897 in Hamburg, gestorben am 14. Januar 1987 in Lugano
»Zwei Genies« (1934); »Das Mädchen vom Moorhof« (1935); »Der Eingebildete Kranke« (1935); »Dreimal Ehe« (1935); »April, April!« (1935); »Stützen der Gesellschaft« (1935); »Das Hofkonzert« (1936); »La Chanson du souvenir« (1936); »’t was een april« (1936); »Schlußakkord« (1936); »Zu neuen Ufern« (1937); »La Habanera« (1937); »Boefje« (1939); »Hitler’s Madman« (1943); »Summer Storm« (»Sommerstürme«, 1944); »A Scandal in Paris« (»Ein eleganter Gauner«, 1946); »Lured« (»Angelockt«, 1947); »Sleep, My Love« (»Schlingen der Angst«, 1948); »Shockproof« (»Unerschütterliche Liebe«, 1949); »Slightly French« (»Leicht französisch«, 1949); »Mystery Submarine« (1950); »The First Legion« (»Beichte eines Arztes – Die erste Legion«, 1951); »Thunder on the Hill« (»Schwester Maria Bonaventura«, 1951); »The Lady Pays Off« (»Spielschulden«, 1951); »Week-End with Father« (»Ein Wochenende mit Papa«, 1951); »No Room for the Groom« (1952); »Has Anybody Seen My Gal?« (»Hat jemand meine Braut gesehen?«, 1952); »Meet Me at the Fair« (1953); »Take Me to Town« (»Eine abenteuerliche Frau«, 1953); »All I Desire« (»All meine Sehnsucht«, 1953); »Taza, Son of Cochise« (»Taza, der Sohn des Cochise«, 1954); »Magnificent Obsession« (»Die wunderbare Macht«, 1954); »Sign of the Pagan« (»Attila, der Hunnenkönig«, 1954); »Captain Lightfoot« (»Wenn die Ketten brechen«, 1955); »All That Heaven Allows« (»Was der Himmel erlaubt«, 1955); »There’s Always Tomorrow« (»Es gibt immer ein Morgen«, 1956); »Written on the Wind« (»In den Wind geschrieben«, 1956); »Battle Hymn« (»Der Engel mit den blutigen Flügeln«, 1956); »Interlude« (1957); »The Tarnished Angels« (»Duell in den Wolken«, 1958); »A Time to Love and a Time to Die« (»Zeit zu leben und Zeit zu sterben«, 1958); »Imitation of Life« (»Solange es Menschen gibt«, 1959); »Sprich zur mir wie der Regen« (1975); »Sylvesternacht« (1977); »Bourbon Street Blues« (1979)