
»Le coup de berger« ist der ins Wasser geworfene Stein: kräuselt sich zunächst lediglich die Oberfläche des Wasserspiegels, wird bald der stille See der französische Filmszene aufgewühlt. Die nouvelle vague, die Neue Welle rollt heran. In »Le coup de berger«, einem Kurzfilm, treten sie fast alle auf, jene Kritiker von den »Cahiers«, die sich anheischig machen, das französische Kino erst zu kritisieren, um dann selbst Filme zu drehen: Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, François Truffaut und schließlich der Regisseur höchstselbst: Jacques Rivette.

Sieht man ab von »Die Nonne« (»La religieuse«, 1966), jener von der katholischen Kirche zu einem Skandal erklärten Verfilmung eines Diderot-Romans, bleibt Rivettes Werk lange Zeit hinter denen seiner drei Kollegen verborgen, mit denen er in »Le coup de berger« vor der Kamera agierte: Chabrol hat bereits zahllose Filme gedreht und ist dabei, sich mit sehr schwachen Arbeiten um sein Renommee zu bringen. Aus Godard und anderen ist »Dziga Vertov« geworden. Truffaut hat sein kurzes Leben genutzt, einige Meisterwerke in die Kinos zu bringen.
Rivette hingegen muss sich gedulden bis zu seinem ersten großen Publikumserfolg. 30 Jahre vergehen, bis Rivettes Name mit »Die schöne Querulantin« (»La belle noiseuse«, 1991) einem breiteren Publikum bekannt wurd.
Rivette wird am 1. März 1928 in Rouen geboren und kommt 1949 nach Paris, um Literatur zu studieren. Als exzessiver Kinogänger (der er bis heute geblieben ist), schreibt er alsbald für die »Cahiers du cinéma«, deren Chefredakteur er 1963 für zwei Jahre wird. Nachdem Rivette mehrere Kurzfilme realisiert hat, beginnt er 1958 mit den Dreharbeiten zu »Paris gehört uns« (»Paris nous appartient«). Geldmangel verzögerte die Produktion. Als »Paris gehört uns« 1961 endlich in den Kinos anläuft, werden die (wenigen) Zuschauer mit einem Film konfrontiert, der sich im Rückblick als typischer Rivette erweisen soll. Zunächst: der Film hat Überlange (zwar lediglich moderate zwanzig Minuten, doch das wird sich ändern). Einige Schauspieler studieren ein Stück ein, Shakespeares »Perikles« in diesem Falle. Und eine Geheimorganisation scheint ihr Unwesen zu treiben, Menschen zu beherrschen, bis sich zeigt: es ist vielmehr deren Paranoia, von der sie besessen sind. »Paris nous appartient« belässt vieles im Vagen, weigert sich, einfache Lösungen anzubieten, und verweigert sich dem allzu bequemen Kinokonsum.
Wie die anderen nouvelle-vague-Protagonisten verwirft Rivette die angestrengten, konservativen Qualitätsmerkmalen des französischen Films ebenso wie die des Hollywood-Mainstream-Kinos (obwohl er durchaus die Arbeiten amerikanischer Regisseure wie John Ford und Howard Hawks bewundert).
Während Godard zum Beispiel das Prinzip des »unsichtbaren Schnitts« konterkariert, indem er ganz bewusst Filmfehler als Gestaltungsmittel einsetzt, schlägt Jacques Rivette beinahe den entgegengesetzten Weg ein. Seine Filme zeichnen sich durch Überlänge aus. Plansequenzen, also ungeschnittene Szenen, gehören von Anbeginn zu den ihm eigenen Stilmitteln. Daneben verzichtet er auf häufig Drehbücher; Details des Films entstehen in Absprache des Filmteams.
Für »Amour Fou« (»L’amour fou«, 1969) verfasst Rivette immerhin eine kurze Skizze, einen Leitfaden. »Amour fou« ist ein Film, der alle Gewissheiten und das Verhältnis von Kunst und Leben befragt. Vordergründig als Liebesgeschichte im Theater konzipiert, schafft der Regisseur mehrere Wirklichkeitsebenen: Schauspieler erarbeiten ein Stück (»Andromaque« von Racine). Dabei werden sie von einem Filmteam beobachtet, das auf 16-Millimeter-Material filmt. Und schließlich kommen die Kinoleute mit ihren 35-Millimeter-Kameras hinzu.
Für »Out 1: Noli me tangere« geht Rivette 1971 einen Schritt weiter. Lediglich ein Organigramm legt die Beziehungen der Figuren – Mitgliedern zweier Theatergruppen und einer Geheimgesellschaft – zueinander fest. Als Psychodrama hat Rivette diesen Film charakterisiert. Angesichts von 733 Minuten Länge weigerte sich das französische Fernsehen, »Out 1« abzunehmen. So fehlte es an Geld, Kopien fürs Kino herstellen zu lassen, woraufhin Rivette 1974 den Film auf 255 Minuten kürzt, der als »Out 1: Spectre« tatsächlich in die Kinos kommt. Die große »Noli me tangere«-Fassung wird erst 1990 fertiggestellt.
Mit »Céline und Julie fahren Boot« (»Céline et Julie vont en bateau«, 1974) gelingt Rivette ein vergleichsweise populärer Film, vielleicht weil er unbeschwerter daherkommt als frühere Werke und darin die Macht der Phantasie gefeiert wurde. Zwei junge Frauen, Bibliothekarin die eine, Zauberin die andere, erlösen ein Mädchen aus ihrem tragischen Schicksal, das es Tag für Tag in einem verzauberten Haus durchleiden muss. Gelegentlich wird »Céline und Julie« verglichen mit Lewis Carrolls »Alice in Wonderland« – hier wie dort werden nicht alle Rätsel gelöst, von einem wie von anderen geht ein Zauber aus, den sich Leser beziehungsweise Zuschauer schwer entziehen können.
Nach diesem Erfolg scheint Rivettes Kreativität zunächst aufgebraucht. Die Arbeiten an der geplanten Tetralogie »Scènes de la vie parallèle« bricht er nach »Unsterbliches Duell« (»Duelle«, 1976) und »Nordwestwind« (»Noroît«, 1976) von Depressionen heimgesucht ab. Erst 1980 kommt mit »Merry-go-round« wieder ein Film, eine Kriminalstory dieses Mal, in die Kinos. Inzwischen war Jacques Rivette wieder zu einer konventionelleren Arbeitsweise zurückgekehrt: Für »Theater der Liebe« (»L’amour par terre«) verfasst Rivette ein Drehbuch, das die menage à trois eines Schriftstellers und zweier Schauspielerin umreißt.
Beachtung bei den Kinogängern findet Rivette erst wieder mit »Die Viererbande« (»La bande de quatre«, 1988), obwohl die Geschichte von vier Schauspielschülerinnen, einem mutmaßliche Kriminellen und einem undurchsichtigen Fremden Konventionen des populären Kinos meidet.
1991 stellt Rivette eine Figur aus einer Balzac-Erzählung in den Mittelpunkt von »Die schöne Querulantin« (»La belle noiseuse«), seinen kommerziell erfolgreichsten Film. Frenhofer, jenen Maler, der sich quält, mit Hilfe eines Modells zum Wesen einer berühmten Kurtisane vorzudringen und die Arbeit abbricht, um die Liebe zu seinem Modell nicht zu gefährden. Zehn Jahre darauf wagt er einen neuen Versuch mit einem neuen Modell. Ein Zweikampf entspinnt sich: was sie zu verbergen sucht, will er ihr entlocken. Einmal mehr nimmt sich Rivette Zeit, vier Stunden ist die Originalfassung – in denen er mehr Spannung aufbaut als in der auf die Hälfte gekürzte »Divertimento«-Fassung des Films.
Seine zwischenzeitlich verloren geglaubte Originalität scheint Rivette wiedergefunden zu haben. Es folgt mit »Johanna, die Jungfrau« (»Jeanne la pucelle«, 1994) ein Historienfilm, der einen neuen Zugang zu einer oft und bis zur Ermattung wiederholten Geschichte findet. »Vorsicht: Zerbrechlich!« (»Haut bas fragile«) gerät 1995 zu einer Annäherung an das Genre des Filmmusicals, während »Va savoir« (»Va Savoir«, 2001) einmal mehr in die Bühnenwelt führt. Rivettes jüngstes Werk »Die Geschichte von Marie und Julien« (»Histoire de Marie et Julien«, 2003) setzt das lange unterbrochene Projekt »Szenen eines parallelen Lebens« fort.
Thomas Steinberg, 2004
französischer Regisseur, geboren am 1. März 1928 in Rouen
»La religieuse« (»Die Nonne«, 1966); »Paris nous appartient« (»Paris gehört uns«,1961); »La religieuse«, »Suzanne Simonin, la religieuse de Diderot« (»Die Nonne«, 1966); »Jean Renoir le patron« (TV, 1966); »L’amour fou« (»Amour Fou«, 1969); »Out 1: Noli me tangere« (1971/1990); »Out 1: Spectre« (1974); »Céline et Julie vont en bateau« (»Céline und Julie fahren Boot«, 1974); »Duelle« (»Unsterbliches Duell«, 1976); »Noroît« (»Nordwestwind«, 1976); »Merry-Go-Round« (»Merry-Go-Round«, 1980); »Le pont du nord« (»An der Nordbrücke«, 1982); »L’amour par terre« (»Theater der Liebe«, 1984); »Hurlevent« (»Sturmhöhe«, 1985); »La bande des quatre« (»Die Viererbande«, 1989); »La belle noiseuse« (»Die schöne Querulantin«, 1991); »La belle noiseuse, Divertimento« (1991); »Jeanne la pucelle« (»Johanna, die Jungfrau«, 1994); »Haut bas fragile« (»Vorsicht: Zerbrechlich!«, 1995); »Secret défende« (»Geheimsache«, 1998); »Va savoir« (»Va savoir«, 2001); »Histoire de Marie et Julien« (»Die Geschichte von Marie und Julien«, 2003)