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Lang, Fritz

Szene aus 'Metropolis' - Die Stadt
»Metropolis« ist untrennbar mit den Namen Fritz Lang verbunden.

Friedrich Luft, einst im Rias die anerkannte Stimme der Kritik, hatte in seinem Nachruf auf Fritz Lang den Regisseur einen »genialen Bilderwerfer« genannt, der bewiesen habe »dass man Kino mit eigenständiger, großer Kunst beliefern kann – und sich doch vom Publikum nicht zu entfernen braucht«. Die Kinogänger haben es ihm gedankt: Obwohl Lang sich nie bei ihnen anbiederte, ist sein Name, sind seine Werke fest in kollektive Gedächtnis geschrieben. Dr. Mabuse ist durch ihn zum Inbegriff des Bösen geworden, Metropolis durch ihn zum Sinnbild der Megacity.

Fritz Lang
Fritz Lang.

Fritz Lang, 1890 in Wien geboren, beginnt zunächst ein Architekturstudium, der Vater, Architekt von Beruf, hatte es so gewünscht. Bald verlegt sich Lang auf die Malerei, studiert Kunst in Wien, in München und in Paris. Er reist viel, lebt als Bohemien in Paris, wird dort zum Kinogänger. Mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs kehrt er nach Österreich zurück, um sich freiwillig an der Front zu melden. Lang wird verwundet. Während der Genesungszeit beginnt er, erste Drehbücher zu schreiben, für die er in Joe May bald einen Abnehmer findet. Für ihn verfasst er die Bücher zu »Das indische Grabmal« und »Der Tiger von Eschnapur«, die Lang eigentlich selbst verfilmen wollte. In Berlin, wohin er umgezogen ist, macht er sich mit seinen Arbeiten in Filmkreisen schnell einen Namen und lernt die Schriftstellerin Thea von Harbou kennen. Sie wird später seine Frau und prägt als Autorin Langs Drehbüchern bis 1932 ganz wesentlich. 1919 dreht Lang seinen ersten eigenen Film: »Halbblut«. Bald darauf entstehen der Zweiteiler »Die Spinnen« und zwei weitere Filme.

Der Durchbruch

Mit »Der müde Tod« (1921) gelingt Lang der Durchbruch. Das »deutsche Volkslied in sechs Versen«, so der Untertitel, die romantisch-tragische Geschichte einer junge Frau, die den Geliebten vom Tod zurückfordert, wird in Deutschland und in Frankreich gefeiert und zu einem Schlüsselerlebnis für Luis Buñuel. Hier, in »Der müde Tod« nämlich, setzt Lang Licht und Raum in jener expressiven Weise ein, die viele seiner Filme prägen soll und in »Dr. Mabuse, der Spieler« (1922) noch viel deutlicher zutage treten sollen. In der auf einer Romanvorlage basierend Geschichte des dämonischen Verbrechers und Verführers Mabuse schlägt die Nachkriegswirklichkeit durch, das Lyrische, das in »Der müde Tod« noch zu Tage trat, verschwindet völlig. Mabuse manipuliert andere, um sie als Mörder für seine Zwecke einzusetzen, Zynismus ist ihm Lebenshaltung. Ein Kind von Nietzsche sei dieser Mabuse, erklärte Lang einmal.

1923 und 1924 wendet sich Lang mit den »Nibelungen« dem sagenhaft verklärten Mittelalter zu. In »Siegfried« und »Kriemhilds Rache« arbeitet er wieder mit einer differenzierten Filmarchitektur: hier die kantige Trutzburg der Burgunden, dort die Höhlen der Hunnen, Oberwelt und Unterwelt, immer wieder findet sich diese Konstellation in Langs Filmen. Ebenso ist die anonyme Masse – in den »Nibelungen« auf Seiten der Germanen zu finden – ein stets wiederkehrendes Thema, wie sich überdeutlich 1927 in »Metropolis« zeigt: 36000 Komparsen setzt Lang hier ein. »Metropolis« ist ein in jeder Hinsicht maßloser Film. In 310 Drehtagen werden 620000 Meter Film belichtet. Sechs statt der kalkulierten anderthalb Millionen Mark verbraucht Lang, eine Summe, die die Produktionsfirma Ufa wirtschaftlich in die Knie zwingt: sie wird bald vom Hugenberg-Konzern übernommen.

»Metropolis«, der erste deutsche Science-fiction, wird von der zeitgenössischen Kritikern eher reserviert aufgenommen. Luis Buñuel – ein Jahr später wird er seinen Erstling »Ein andalusischer Hund« drehen – hatte in »Metropolis« zwei Filme ausgemacht: ein überwältigendes Bilderbuch einerseits. Und andererseits einen geschmacklosen Kommerzstreifen. Für die billige Story macht Buñuel Thea von Harbou verantwortlich, von der das Drehbuch stammte. »Metropolis« kennt wieder die Ober- und die Unterwelt. Luxus herrscht in der Oberstadt, von hier aus herrscht Fredersen über die malochenden Massen in der Unterstadt. Dessen Sohn Freder und seine Geliebte Maria, eine Bewohnerin der Unterwelt, werden am Ende die Versöhnung beider Welten bewerkstelligen. Doch selbst die Groschenheft-Story vermag nicht, »Metropolis« etwas von seiner Faszination zu nehmen.

Ober- und Unterwelt

Nach »Spione« (1927) und »Die Frau im Mond« (1929) dreht Fritz Lang 1931 mit »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« seinen ersten Tonfilm. In »M« nimmt Lang sich zurück, entsagt der »Metropolis«-Gigantomanie und geht sehr bewusst mit dem noch jungen Medium Tonfilm um. Erneut erschafft Lang eine (kleinbürgerliche) Oberwelt und eine (kriminelle) Unterwelt; zwischen beiden Welten pendelt die Polizei auf ihrer Suche nach dem psychopathischen Kindermörder Hans Beckert (Peter Lorre). Und wie schon früher bricht Lang die Handlung vielfach: die Polizeiarbeit wird in Form in reportageähnlichem Stil vorgeführt, die kleinbürgerliche Milieu in Anlehnung an das Sozialdrama gezeichnet, die Verhandlung der Verbrecher gegen Beckert hat opernhafte Züge.

Sein zweiter »Mabuse«-Film, »Das Testament des Dr. Mabuse«, ist der letzte Film, den Lang in Deutschland dreht. Mabuse ist hier der Initiator von Chaos und Anarchie, von Sabotage und Terror. Sein Werkzeug, die Herrschaft des Verbrechens zu errichten, ist ein Arzt: nach Mabuses Tod wird dessen Körper zur Heimstatt von Mabuses Geist. Im März 1933 verbietet die Zensur »Das Testament des Dr. Mabuse«. Die Filmprüfstelle sieht in »Mabuse« »ein Lehrbuch zur Vorbereitung und Begehung terroristischer Akte«. Angebote des Verleihs, den Film in Teilen umzuarbeiten, vermochten das Verbot ebenso wenig zu verhindern wie die Gründung der NSBO, der Nationalsozialistischen Betriebsgruppe, der neben Lang die Luis Trenker, Carl Boehse und Victor Janson angehörten.

Über Frankreich in die USA

Kurz darauf zitiert Goebbels, fasziniert von »Metropolis« und den »Nibelungen«, Lang zu sich – um ihn einen Posten in der Filmindustrie anzutragen. Für Lang ist dieses Gespräch Anlass zur Flucht, zuerst nach Frankreich, später in die USA, während seine Frau der NSDAP beigetretenen Frau Thea von Harbou in Deutschland bleibt. Die Ehe wird wenig später geschieden.

Während des kurzen Frankreich-Aufenthalts von Lang entsteht lediglich ein Film (»Liliom«) unter seiner Regie. Von MGM kommt ein Angebot aus Hollywood, er unterschreibt und entwickelt bei »Blinde Wut« (»Fury«) augenblicklich Gespür für amerikanische Themen: Eine paranoide Masse, ein Lynchmob, bezichtigt einen Unschuldigen der Kindesentführung, bedroht sein Leben. Im Verlaufe des Films jedoch wird der Beschuldigte seinerseits zum Rächer. »Fury« ist geprägt von zwei unterschiedlichen Filmkulturen: Langs metaphernreiche Bildsprache findet sich ebenso wie die expressive Lichtführung, während der unsichtbare Schnitt, die dynamische Inszenierung, vor allem der amerikanischen Filmkultur verpflichtet sind.

Lang, der sich konsequent auf sein neues Publikum einstellt, hat in der neuen Heimat beachtliche kommerzielle Erfolge, gerade mit Western wie »Rache für Jesse James« (»The Return of Frank James«) oder »Überfall der Ogalalla« (»Western Union«), dem ersten, 1940 gedrehten, Farbfilm des Regisseurs. »Auch Henker sterben« (»Hangmen also die«), ist ein politischer Film über das Heydrich-Attentat und den tschechoslowakischen Widerstand in der Nazizeit, dessen Drehbuch Bertolt Brecht mitschrieb.

Es sind häufig Einzelgänger, die Lang in den Mittelpunkt. Er prägt in den 50er Jahren den film noir mit Werken wie »Heißes Eisen« (»The Big Heat«) und »Jenseits allen Zweifels« (»Beyond Reasonable Doubt«) , seinem letzten Hollywoodfilm. Lang war es überdrüssig, einerseits zwar auf exzellente technische Ressourcen zurückgreifen zu können, andererseits jedoch von Produzenten bevormundet zu werden.

Nach Deutschland zurückgekehrt, inszeniert er zwei Remakes eigener Drehbücher: »Das indische Grabmal« und »Der Tiger von Eschnapur« (beide 1958). In »Die 1000 Augen des Dr. Mabuse« (1960) lässt er noch einmal die vertraute Verbrecherfigur aufleben.

Einmal nur wird Lang als Regisseur zu erleben sein – er spielt 1963 einen Regisseur in »Die Verachtung« von Jean-Luc Godard. In Deutschland wird Lang nicht mehr heimisch und kehrt deshalb wieder nach Hollywood zurück. Der Mann, der dem Film ganz eigenwillige Bilder schenkte, erblindet allmählich. Kurz vor seinem Tod 1976 heiratet Fritz Lang zum zweiten Mal.

Thomas Steinberg, 2003

Kurz und knapp

österreichischer Regisseur, Drehbuchautor und Produzent, geboren am 5. Dezember 1890 in Wien, gestorben am 2. August 1976 in Los Angeles

Filmografie

»Der müde Tod« (1921); »Dr. Mabuse, der Spieler« (1922); »Die Nibelungen« (1924); »Metropolis« (1927); »Spione« (1927); »Die Frau im Mond« (1929); »M. Mörder unter uns« (1931); »Das Testament des Dr. Mabuse« (1933); »Liliom« (1934); »Fury« (»Blinde Wut«, 1936); »You Only Live Once« (»Gehetzt«, 1936); »You and Me« (»Du und ich«, 1938); »The Return of Frank James« (»Rache für Jesse James«, 1940); »Western Union« (»Überfall der Ogalalla«, 1940); »Man Hunt« (»Menschenjagd«, 1941); »Hangman Also Die« (»Auch Henker sterben«, 1942); »Ministery of Fear« (»Ministerium der Angst«, 1944); »The Woman in the Window« (»Gefährliche Begegnung«, 1944); »Scarlet Street« (»Scarlet Street«, 1945); »Cloak and Dagger« (»Im Geheimdienst«, 1946); »Secret beyond the Door« (»Geheimnis hinter der Tür«, 1947); »House by the River« (»Das Todeshaus am Fluß«, 1949); »American Guerilla in the Philippines« (»Der Held von Mindanao«, 1950); »The Blue Gardenia« (»Gardenia – Eine Frau will vergessen«, 1952); »Clash by Night« (»Vor dem neuen Tag«, 1952); »Rancho Notorious« (»Engel der Gejagten«, 1952); »The Big Heat« (»Heißes Eisen«, 1952); »Human Desire« (»Lebensgier«, 1954); »Moonfleet« (»Das Schloß im Schatten«, 1955); »Beyond a Reasonable Doubt« (»Jenseits allen Zweifels«, 1956); »While the City Sleeps« (»Die Bestie«, 1956); »Das indische Grabmal« (1958); »Die 1000 Augen des Dr. Mabuse« (1960)

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