
Geboren wird Jean-Luc Godard am 3. Dezember 1930 in Paris. Er studiert Ethnologie, arbeitet als Filmkritiker (Pseudonym: Hans Lucas), reist viel und hat Kontakt zu all denen, deren Namen später Synonyme der nouvelle vague wurden: Truffaut, Chabrol oder Rivette. Ab 1950 entstehen erste Kurzfilme. Kino, so fordert er Ende der 50er Jahre, solle Kino sein – und zugleich dessen Erklärung.
»Außer Atem« (»A bout de souffle«) zeigt 1960 auf, was er damit meinte: Der Film über die Begegnung zwischen einem Polizistenmörder (Jean-Paul Belmondo) und einer amerikanischen Studentin (Jean Seberg) in Paris steckt voller Anspielungen auf Musik, Film und Kunst, ein von ihm immer wieder verwendetes Mittel. Film ist für ihn Konstrukt anhand von Realitäten, kein plattes Abbild irgendeiner vagen Wirklichkeit. Godard macht das in seinen Filmen immer wieder klar: er verstößt gegen technische Standards, missachtet dramaturgische Grundregeln, was ihm mal den Ruf des Genies, mal den des Scharlatans eintrug. Doch Truffaut ahnt schon nach «*Außer Atem«, dass das Kino nie wieder so sein würde wie zuvor.

»Die Verachtung« (»Le Mépris«) sollte 1963 für Godard den kommerziellen Durchbruch bringen – nicht zuletzt deshalb wurde Brigitte Bardot für die Hauptrolle engagiert und ein großes bereitgestellt. Vergeblich: Godard widersetzt sich den Produzentenwünschen erfolgreich, der Film wird nicht der Renner, die Nacktszenen mit Bardot verfremdete er völlig, auf dass kein Hauch von Erotik übrig bliebe. »Elf Uhr nachts« (»Pierrot le fou«) von 1965 wird schließlich ein Schlüsselerlebnis für viele jüngere Regisseure der Postmoderne werden.
Während Frankreich auf das Jahr 1968 mit all seinen Umbrüchen zutreibt, wandelt sich Godard zunehmend zum politischen Menschen. »Weekend« (»Week-End«) konstatiert das Ende des bürgerlichen Zeitalters – und beschreibt das Ende der ersten Schaffensphase Godards wie auch seine fast völlige Abkehr von allem, was unter herkömmlichen Gesichtspunkten an Kino gemahnen könnte: Godard gründete die Gruppe »Dziga Vertov« (benannt nach einem sowjetischen Regisseur) und dreht mit anderen Filme im Kollektiv, die kaum mehr Zuschauer finden und zunehmend die Kritiker nerven.
Nachdem das Film-Kollektiv sich auflöst, entdeckt Godard für sich ein damals ganz junges Medium: Video. »Numéro 2« entsteht gemeinsam mit Anne-Marie Miéville 1975 als Experiment, dem weitere folgen, auch für das Massenmedium schlechthin, für das Fernsehen. Erst 1980 arbeitet er wieder für das Kino. »Rette sich wer kann (das Leben)« (»Sauve qui peut (la vie)«) führt die Trümmer vor, die von den 68er Utopien blieben und gerät mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle zu einem durchaus kommerziell orientierten Film wie auch »Vorname Carmen« (»Prénom Carmen«), in dem Godard den Mythos der gewaltigen, zerstörerischen Liebe befragt und selbst als irre gewordener Regisseur Godard auftritt. »Marie und Joseph« (»Je vous salue, Marie«) von 1983 wird sogar ein regelrechter Erfolg – obwohl oder weil der Film in einigen Staaten auf den Index kam.
In »Nouvelle Vague« greift Godard 1990 das Tristan und Isolde-Motiv auf und dreht einen verrätselten Film, der den sich und seiner Umwelt entfremdeten Menschen zeigt, der nur dem Oberflächlichen verfallen ist. Ein Jahr später entsteht für das Fernsehen »Deutschland Neu Null« (»Allemagne neuf zéro«), ein Film über Ostdeutschland. 1994 ist den Kinos Godards Autobiographie »JLG/JLG« zu sehen. Als vorerst letzten Langfilm dreht Godard 1999 »Éloge de l‹amour«.
Thomas Steinberg, 2004
französischer Regisseur und Schauspieler, geboren am 3. Dezember 1930 in Paris
»Opération Béton« (1954), »Tous les garçons s‹appellent Patrick ou Charlotte et Véronique« (1957), »Charlotte et son Jules« (1958), »A bout de souffle« (»Außer Atem«, 1959), »Le petit soldat« (»Der kleine Soldat«, 1960), »Une femme est une femme« (»Eine Frau ist eine Frau«, 1961), »Vivre sa vie« (»Die Geschichte der Nana S.«, 1962), »Les carabiniers« (»Die Carabinieri«, 1963), »Le mépris« (»Die Verachtung«, 1963), »Bande à part« (»Die Außenseiterbande«, 1964), »Une femme mariée« (»Eine verheiratete Frau«, 1964), »Alphaville – Une étrange aventure de Lemmy Caution« (»Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60«, 1965), »Pierrot le fou« (»Elf Uhr nachts«, 1965), »Masculin-féminin« (»Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Coca Cola«, 1966), »Made in U.S.A.« (»Made in USA«, 1966), »Deux ou trois choses que je sais d‹elle« (»Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß«, 1966), »La chinoise« (»Die Chinesin«, 1967), »Loin du Vietnam« (»Fern von Vietnam«, 1967), »Weekend« (1967), »Le gai savoir« (»Die fröhliche Wissenschaft«, 1968), »One Plus One« (»Eins plus eins«, 1968), »Un film comme les autres« (1968), »British Sounds« (1969), »Lotte in Italia« (»Kämpfe in Italien«, 1970), »Vento dell‹est« (»Ostwind«, 1970), »Vladimir et Rosa« (»Wladimir und Rosa«, 1971), »Tout va bien« (»Alles in Butter«, 1971), »Letter to Jane« (»Ein Brief an Jane«, 1972), One A.M. (»Ein Uhr morgens«, 1975), »Numéro deux« (1975), »Comment ça va« (»Wie geht es?«, 1975), »Ici et ailleurs« (»Hier und anderswo«, 1975), »Six fois deux« (»Sechs mal zwei«, 1976), France / tour / détour / deux / enfants (1978) , »Ici et ailleurs« (76), »Sauve qui peut (la vie)« (»Rette sich wer kann (das Leben), 1980), »Passion« (»Passion«, 1982), »Prénom Carmen« (»Vorname Carmen«, 1983), »Je vous salue, Marie« (»Marie und Joseph«, 1985), »Détective« (85), »Grandeur et décadence d‹un petit commerce du cinéma« (»Glanz und Elend eines kleinen Kinounternehmens«, 1986), »Soigne ta droite« (»Schütze deine Rechte«, 1987), »Le roi Lear« (87), »Histoire du Cinéma« (»Geschichte des Kinos«, 1989-99), »Nouvelle vague« (»Nouvelle vague«, 1989), »Allemagne neuf zéro« (»Deutschland Neu Null«, 1991), »Hélas pour moi« (»Weh mir«, 93), »Les Enfants jouent à la Russie« (1993), »JLG/JLG – Autoportrait de décembre« (»JLG/JLG – Godard über Godard«, 1994), »Je vous salue Sarajevo« (1994), »Deux fois cinquante ans de cinéma français« (1995), »For Ever Mozart« (1996), »Eloge de l‹amour« (1999), »Dans le noir du temps« (2002), »Liberté et patrie« (2002), »Notre musique« (2004)